“Zurzeit geht ein ungewöhnlich langer Zinszyklus zu Ende”

Nach rund 35 Jahren habe ein langer Abwärtstrend Boden gefunden, sagt Finanzexperte Martin Jetzer. Der Wendepunkt im Zinszyklus könnte bereits 2015 kommen.

 

Martin JezterHerr Jetzer, variable Franken-Hypotheken unter 3 Prozent sind seit der Gründung der Eidgenossenschaft ein Ausnahmezustand. Wie lange kann es noch auf tiefem Niveau weitergehen?
Zurzeit geht ein ungewöhnlich langer Zinszyklus zu Ende, der in der Weltleitwährung Dollar Mitte der Achtzigerjahre begonnen hat. Damals rentierten zehnjährige US-Treasury-Bonds mit rund 14 Prozent. Die Geldmarktsätze stiegen vorübergehend sogar auf 20 Prozent! Seither fallen die US-Zinsen. Nach rund 35 Jahren hat nun ein langer Abwärtstrend Boden gefunden, doch die Bodenbildung braucht Zeit. Das ist nach langen Zinszyklen nicht ungewöhnlich.

Gilt das auch für die Schweiz?
Grundsätzlich kann sich der Franken dem langfristigen Dollar-Zinszyklus nicht entziehen. Dank dem Aufwärtstrend des Frankens konnte sich die Schweiz allerdings in der Vergangenheit lange Zeit vom globalen Zinstrend abkoppeln.

 

Werden wir also noch länger mit den aktuell tiefen Zinsen leben?
Nein, wir haben ein Undershooting. Sobald der globale Zinszyklus anzieht, werden die kurzfristigen Sätze steigen. Wann genau, das hängt stark von der amerikanischen und der europäischen Geldpolitik ab. Die Zinspolitik der Schweiz wird ja zurzeit wegen der Euro-Wechselkursuntergrenze in Frankfurt gemacht.

Sie sprechen von einem Undershooting. Welches wäre das angemessene Niveau?
Im Gleichgewicht sollte der langfristige Zinssatz nicht unter dem Trendwachstum des realen Bruttoinlandprodukts von rund 1,5 Prozent (Bevölkerungswachstum plus Produktivitätswachstum) plus Teuerungsrate von, sagen wir, 2 Prozent zu liegen kommen. Damit kommt man in der Schweiz auf eine als «normal» zu bezeichnende langfristige Kapitalmarktrendite von etwa 3,5 Prozent.

Und wohin gehen die kurzfristigen Sätze?
In den nächsten fünf Jahren werden auch die kurzfristigen Geldmarktsätze deutlich anziehen. Je nach Konjunkturdynamik können diese auch weit über die langfristigen Zinsen ansteigen. Der Wendepunkt im Zinszyklus könnte bereits 2015 kommen.

Sie rechnen also nicht damit, dass sich aus der aktuellen Geldschwemme eine Inflationsdynamik entwickeln könnte?
Nicht in den nächsten zwei Jahren. Dann allerdings treten wir in eine kritische Periode ein. Gefahr besteht, dass die vorangegangene ungewöhnlich starke monetäre Stimulierung nicht nur die Weltkonjunktur anheizt, sondern auch die Teuerung. Das ist keine Prognose, sondern ein ernstzunehmendes Risiko.
Martin Jetzer Bericht

Wäre die Schweizer Nationalbank in einem globalen Inflationsszenario überhaupt handlungsfähig? 
Ja, die SNB zeichnet sich durch eine kompetente Führungsequipe aus, verfolgt eine unabhängige Geldpolitik und verfügt über die entsprechenden Instrumente. Die Wechselkursuntergrenze kann sie z.B. jederzeit aufgeben und zu einer Politik des starken Frankens zurückkehren. Unsere Inflationsrate würde unter Umständen deutlich niedriger ausfallen als in anderen Ländern. Ferner kann sich die SNB auf eine Volkswirtschaft abstützen, die sich durch eine hohe Wettbewerbsfähigkeit ebenso wie eine hohe Flexibilität auszeichnet.

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