Nahaufnahme eines älteren Mannes mit grauen Haaren und Bartstoppeln, der sein Kinn auf seine Hand stützt, vor einem dunklen, warmtonigen Hintergrund.
Pierce Brosnan

„Die Kunst macht mich zu dem, der ich bin“

  • Ausgabe

    02/26

  • Ort

    Kauai, USA

Legendäre Rollen in Filmen und Serien brachten ihm weltweiten Ruhm. Seine zweite große Leidenschaft verfolgt Pierce Brosnan ganz für sich: die Malerei. Ein Gespräch über Inspiration, Ausgeglichenheit und die Kunst, die sein Leben schon immer begleitet hat.

Wer ein Gespräch mit Pierce Brosnan führen möchte, bekommt zunächst eine Lektion in Spontanität erteilt. „Können Sie morgen?“, heißt es. „Er wird sich bei Ihnen melden.“ Nichts Geringeres als diese Don’t call me, I’ll call you-Mentalität würde man von jemandem erwarten, dem seine ikonische Rolle als Geheimagent wie auf den Leib geschneidert schien.

Pierce Brosnan hält das Versprechen. Zwölf Stunden Zeitverschiebung trennen ihn in seinem Zuhause auf der hawaiianischen Insel Kauai und die GG-Redaktion in Hamburg, als das Telefon klingelt. Er ist früh aufgestanden, seine Ortszeit: kurz nach 7 Uhr morgens. „Hello, this is Pierce Brosnan“, raunt es ohne Vorankündigung mit tiefer Stimme aus dem Hörer.

Wir sind nicht verabredet, um über James Bond zu reden – die Rolle als charmanter Draufgänger, die ihm noch Jahrzehnte später im besten Sinne nachhängt. Stattdessen sprechen wir über seine zweite große Leidenschaft: die Kunst.

Ein älterer Mann mit grauen Haaren und Bartstoppeln, der dunkle Kleidung trägt, hält ein hohes, aufgerolltes Plakat in der Hand, auf dem ein großes gezeichnetes Gesicht zu sehen ist, und posiert nachdenklich vor einem dunklen Hintergrund.
Pierce Brosnans Zeichnungen zieren zarte Porzellanvasen. Die limitierte Kollektion So Many Dreams entstand in Zusammenarbeit mit der Berliner Designerin Stefanie Hering von Hering Berlin. Foto: Robert Rieger
Strahlend weiße Galerie mit freiliegender Decke; linke Wand: Pflanzenbild und Porträtskizze; Rückwand: Raster aus kleinen Zeichnungen; rechte Wand: großes Gesicht in schwarzer Kontur.
2023 lud Brosnan erstmals zur Soloausstellung „So Many Dreams“ in Los Angeles und zeigte 150 Gemälde und Zeichnungen, kuratiert von seiner Frau Keely und ihm. Foto: Courtesy of Pierce Brosnan

Zwischen Zeichenblock und Drehbuch

Nachdem der gebürtige Ire die Schule verlassen hatte, begann er eine Ausbildung als Werbegrafiker, bereit, sein Leben als Künstler zu bestreiten. Doch dann kam die Schauspielerei dazwischen: Die TV-Serie Remington Steel brachte den internationalen Durchbruch. Die Malerei blieb, wenn auch als stille Passion, die erst seit wenigen Jahren mehr in die Öffentlichkeit rückt.

Mr Brosnan, Sie haben schon gemalt, bevor Sie zu einem der anerkanntesten Schauspieler Ihrer Generation wurden. Wie haben diese frühen künstlerischen Grundlagen Ihre Weltsicht geprägt?
Ich glaube, ich habe die Welt schon immer mit einem kreativen und romantischen Blick betrachtet. Ich liebe die Romantik, die die Schauspielerei mit sich bringt, ich liebe die Romantik des Künstlertums. Mein Beruf als Schauspieler ermöglicht mir ein Leben, das meine künstlerischen Absichten, meine Handlungen durchdringt und befeuert.
Ich habe mit sechzehn die Schule verlassen. Alles, was ich damals wirklich besaß, war eine Künstlermappe, gefüllt mit Zeichnungen und Gemälden. Damit fand ich eine Stelle als Trainee Commercial Artist. Rückblickend war dies mein Ticket in ein kreatives Leben – der Traum, Künstler zu sein, festigte sich. Und erst dann kam die Schauspielerei. Meine künstlerische Leidenschaft geht Hand in Hand mit meiner Arbeit als Schauspieler. Das eine nährt das andere.

Nahaufnahme eines Tellers mit abstrakten Strichzeichnungen von Gesichtern, einer am Rand liegenden Gabel und einem Glas Wasser auf einer weißen Tischdecke.
Zum Launch der Porzellankollektion speisten geladene Gäste bei einem Charity-Lunch im Londoner Restaurant Story von kunstvollen Tellern (nur auf Anfrage erhältlich). Foto: Robert Rieger

Die Bilder eines Lebens

Wenn Sie zurückblicken: Erinnern Sie sich an das erste Werk, das Sie jemals gezeichnet haben?
Ich erinnere mich an das Porträt eines jungen Schulkameraden. Diese Art von Bildern male ich in gewisser Weise bis heute. Die Räume und Figuren, die ich zeichne, sind in gewisser Hinsicht Selbstporträts. Ich kann darin die frühen Anfänge erkennen.
Aber wirklich begonnen habe ich mit dem Malen, als meine erste Frau Cassandra an Krebs erkrankte. Sie hatte Freude an den Werken, die ich damals schuf. Diese Arbeiten besitze ich bis heute. Meine Ausstellung So Many Dreams im Jahr 2023 in Los Angeles war in gewisser Weise eine Retrospektive. Es waren 50 Gemälde und 100 Zeichnungen, die zusammen ein Gesamtwerk bildeten. Ich habe noch immer Werke von früher – von 1995, 1985 –, die im Archiv lagern.
Einen der schönsten Momente erlebte ich, als ich eines Jahres aus dem Ausland nach Hause kam. Meine Söhne waren in mein Atelier gegangen und hatten sich jeder sieben Gemälde ausgesucht, die sie in ihren Zimmern aufhängten. Es war eine große Ehre für mich, dass meine Söhne meine Arbeiten auf diese Weise wertschätzten.

Das muss Sie sehr stolz gemacht haben.
Sehr sogar. Mein Sohn Paris ist auf dem besten Weg, selbst Künstler zu werden. Im Herbst war er in Deutschland unterwegs. Seine Arbeiten sind wirklich kraftvoll.

Erkennen Sie manchmal Ähnlichkeiten zwischen seinem Stil und Ihrem Schaffen?
Ja, ich erkenne einen gewissen Einfluss. Es gibt Embleme in seinen Gemälden, die auch ich verwendet habe. Und wir malen auch zusammen ... Das ist so eine große Freude und Befriedigung in meinem Leben.

Eine strahlend weiße Galeriewand, gesäumt von farbenfrohen, gerahmten Gemälden; durch die offene Tür lässt sich weitere Kunst im angrenzenden Raum erahnen.
Brosnans Kunst zeichnet sich durch lebendige Farben und Bewegung aus. Eine Auswahl seiner Werke ist unter somanydreams.co erhältlich. Foto: Courtesy of Pierce Brosnan

Kunst als innere Einkehr

Wie hilft Ihnen die Malerei in schwierigen Zeiten – oder auch in sehr guten Phasen?
Einige meiner besten Arbeiten entstehen aus innerer Reflexion, aus Momenten, in denen man Leid oder Schmerz im Leben erfährt. Malerei kann großen Trost spenden. Und natürlich gibt es auch die pure Freude am Malen: Man betritt das Atelier, ohne genau zu wissen, was man tun wird, und erschafft ein Werk – spontan, aus der Lebensfreude in diesem Augenblick. Es funktioniert auf beiden Ebenen, immer mit einer starken Emotion dahinter.
Ich zeichne ständig und habe immer Skizzenbücher dabei, einige Farben ... Bei Dreharbeiten hat man manchmal Tage frei oder wartet zwischen den verschiedenen Sets. Was macht man mit dieser Zeit? Wenn der Tag nicht sehr dialoglastig ist, male oder zeichne ich in meinem Trailer. Meistens fließen meine Zeichnungen später in Gemälde ein. Es ist also ein kontinuierlicher Schaffensprozess, der sich im Laufe der Jahre mit immer größerer Leidenschaft entwickelt hat.

Ich liebe die Welt des Surrealismus. Ich liebe das Wort Surrealismus.
Pierce Brosnan

Könnten Sie sich je zwischen Schauspielerei und Kunst entscheiden?
Das wäre sehr schwer. Ich liebe die Arbeit als Schauspieler. Sie stellt mich vor große Herausforderungen, und es erfüllt mich, wenn ein Film fertig ist und das Publikum ihn zu sehen bekommt. Gleichzeitig mag ich es, Werke zu schaffen, die Emotionen und Kraft ausstrahlen. Das ist zeitlos. Ich würde wirklich nicht wählen wollen. Aber ich denke, es wäre klüger, jetzt beim Schauspiel zu bleiben. Das bringt auch mehr Geld ein (lacht).

Wo finden Sie Inspiration für Ihre kreative Arbeit?Wissen Sie, das Leben als Schauspieler ist manchmal ziemlich einsam. Wenn ich meine Texte lerne, entsteht oft ein Moment, in dem ich zeichne. Meistens Stillleben. Ich habe eine Serie von Arbeiten, die From Where I Sit heißt. Es kann eine Landschaft sein oder ein bestimmtes Fenster, an dem ich sitze. Ich habe auch eine Reihe von Stühlen, die zuerst aus Zeichnungen entstehen und dann in Gemälde übergehen. Vincent van Gogh ist einer meiner Lieblingsmaler. Seine Bilder inspirieren mich sehr. Die Inspiration kommt vor allem aus der inneren Einkehr. Es beruhigt mich in der Hektik des Lebens. Es ist eine Art Meditation, eine Möglichkeit, sich in diesem Augenblick zu erden.

Eine Hand hält ein gelbes Blatt, auf dem eine schwarze, abstrakte Strichzeichnung eines Kopfes und eines Auges zu sehen ist.
Brosnans Zeichnungen werden mittels keramischem Siebdruck auf die skulpturalen Porzellanvasen von Hering Berlin übertragen. Foto: Robert Rieger

Was bleibt, gehört dem Herzen

Wie würden Sie Ihre Kunst jemandem beschreiben, der sie nicht sehen kann?
Das finde ich schwer zu beantworten. Farbe, Bewegung und Surrealismus ... Ich liebe die Welt des Surrealismus. Ich liebe das Wort Surrealismus. Einer der ersten Künstler, der meine Fantasie wirklich beflügelte, war Salvador Dalí. Das erlaubte mir, mich selbst frei auszudrücken, losgelöst von der Position von Formen und Farben. An einem dunklen Abend, in der Zeit, als meine erste Frau erkrankte, fing ich einfach an zu malen. Ich ging an die Leinwand, ohne jegliche Erfahrung, wie man einen Pinsel hält oder damit malt. Und es entstand Farbe, die mich mit Hoffnung erfüllte, mit einem Gefühl von Leichtigkeit und Trost.

Sie sagten, Sie besitzen diese Bilder noch heute. Sie entstanden in einer intimen Zeit und aus einer tiefen Verbindung zu Ihrer damaligen Frau. Würden Sie sie jemals verkaufen?
Nein, ich denke nicht. Mit meiner jetzigen Frau Keely bin ich seit 31 Jahren zusammen. Ich bin in meinem Leben mit fantastischen Frauen gesegnet worden, die mich unterstützt und gefördert haben. Es war Keely, die sagte: „Du musst diese Werke zeigen. Sie dürfen nicht einfach im Lager bleiben. Du solltest eine Ausstellung machen.“ Also kuratierte sie die Werke. Es dauerte drei Jahre, die Bilder langsam zusammenzustellen, wirken zu lassen und eine Galerie zu finden. Und als wir sie dann aufgehängt und mit Schildern versehen hatten, setzte Keely einen Preis fest, der ziemlich hoch war (lacht). Dementsprechend besitze ich die Werke immer noch. Diese ursprünglichen Stücke sind sehr kostbar, bedeutungsvoll und sehr persönlich. Aus dieser Ausstellung entstand auch die Zusammenarbeit mit Stefanie.

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Von der Leinwand zur Vase

Mit der Berliner Designerin und Keramikmeisterin Stefanie Hering von Hering Berlin erarbeiteten Sie eine limitierte Edition exklusiver Porzellanvasen mit Ihren Kunstwerken. Sie trägt den gleichen Titel wie Ihre erste Soloausstellung: So Many Dreams.
Meine Frau Keely hat immer gesagt: „Du solltest zur Art Basel in Miami gehen.“ Nun, schließlich gingen wir hin und ich hatte einen Lunch mit einer Gruppe von etwa vierzig Personen. Eine davon war Stefanie. Keely saß neben ihr, packte mich irgendwann am Arm und sagte: „Du musst diese Frau kennenlernen. Komm, setz dich hierher.“ Also setze ich mich zu Stefanie, und so wurden wir Freunde und schufen diese Arbeiten: die skulpturalen Vasen.

Wie hat Sie diese Arbeit mit einem neuen Medium herausgefordert?
Nun, es war eigentlich keine große Herausforderung. Die Werke waren bereits vorhanden: Strichzeichnungen, die ich ständig anfertige und von denen ich viele, viele in Mappen habe. Es ging also nur darum, Stefanie die Zeichnungen zu schicken. Sie wählte sie aus und wir waren uns schnell einig: „Ja, das sieht gut aus. Lass uns das machen.“ Es war wirklich unkompliziert. Stefanie ist eine so meisterhafte Handwerkerin, eine großartige Künstlerin und eine fantastische Keramikerin. Ihre Arbeit ist wunderschön, elegant und cool. Ich habe ihre Gesellschaft sehr genossen und wir kamen einfach gut miteinander aus. Die Ergebnisse sind absolut elegant, sie erzählen eine Geschichte. Ich habe das Gefühl, dass ihnen eine stille Emotion innewohnt.

Stehen die Vasen auch bei Ihnen zu Hause? Was empfinden Sie dabei, wenn Sie sie betrachten?
Ja, in meinem Haus in Malibu. Ich bin sehr stolz darauf. Ich betrachte sie mit großer Freude, als Zeichen der Freundschaft und des kreativen Wirkens im Leben ... und dass ich etwas mit einer anderen Künstlerin geschaffen habe, die ich bewundere.

Zwei lächelnde Menschen stehen nebeneinander, umgeben von großen, kunstvoll bemalten Vasen. Im Hintergrund ist ein Wandgemälde in warmen Farbtönen und im malerischen Stil zu sehen.
Kreative Leidenschaft, die verbindet: So entstand aus der Zusammenarbeit zwischen der Designerin Stefanie Hering und dem Künstler Pierce Brosnan eine Freundschaft. Foto: Robert Rieger

Zweifel trifft Zuversicht

Haben Sie selbst schon einmal getöpfert?
Noch nicht, aber ich möchte es tun! Wir haben meinem Sohn Paris eine Töpferscheibe gekauft, die aber noch ungenutzt irgendwo im Lager steht. Eines Tages werde ich sie finden und mich am Töpfern versuchen. Ich würde wirklich gerne meine eigenen Gefäße kreieren.

Liegt Ihr Fokus in dieser Zeit noch stärker auf der Kunst?
Im Moment denke ich über die nächste Ausstellung nach. Ich bin mir noch nicht sicher, wo diese stattfinden soll. Außerdem möchte ich eine Ausstellung mit meinem Sohn Paris machen. Es wäre wirklich schön, mit ihm zusammen zu arbeiten. So viel weiß ich bisher – und in der Zwischenzeit werde ich mich weiter der Schauspielerei widmen.

Als Künstler sind Sie Autodidakt. Hatten Sie je Angst vor der leeren Leinwand?
Oh ja, natürlich. Aber normalerweise weiß ich, was ich malen werde. Was mir Angst machte, war, ein komplettes Bild zu vollenden. Man beginnt, grundiert, zeichnet und alles sieht so schön aus. Doch plötzlich ist man verloren. Man beginnt, alles zu zerdenken, und wird fast von Angst gelähmt, weil man das Bild so sehr liebt, dass man es nicht vermasseln will. Es gibt Momente, in denen die Leidenschaft fehlt. Dann muss man sich erlauben, dieses Gefühl zuzulassen und sich keine Sorgen zu machen. Eines Tages wird man aufwachen und genau wissen, was zu tun ist.

Was gibt Ihnen die Malerei, was die Schauspielerei nicht kann?
Schauspielerei ist eine Kollaboration zwischen vielen Menschen, dem Autor, dem Regisseur, den anderen Schauspielern. Man ist in der Gesellschaft von Mitmenschen und befindest sich ständig im Austausch. Das bedeutet, dass man zuhören und reagieren muss. Beim Malen hingegen ist man allein: Es sind nur ich, die Pinsel, die Leinwand, die Farben – mein eigener Raum des Schaffens. Es ist sehr introspektiv, eine innere Bewegung mit kreativen Impulsen. Beide Tätigkeiten nähren das Verlangen und die Lust am Schaffen. Sie sind beide ein wesentlicher Teil meines Lebens. Sie machen mich zu dem, der ich bin.

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Alle Bilder Courtesy of Pierce Brosnan und Robert Rieger

Eine lächelnde junge Frau mit kurzen blonden Haaren und Creolen, die im Freien vor einem Steingebäude mit kunstvollen architektonischen Details steht.

Merle Wilkening

Als Senior Redakteurin beim GG Magazine schreibt Merle Wilkening über Menschen, Orte und Ideen, die unsere Welt bewegen. Am liebsten führt sie Interviews mit Persönlichkeiten, die mit echter Begeisterung von ihrer Leidenschaft erzählen. Ihre Neugier führt sie immer wieder auf Reisen – der Sonne entgegen, auf der Suche nach besonderen Begegnungen und den Geschichten hinter den schönsten Orten der Welt. Kulinarischen Entdeckungen folgt sie vom Lieblingslokal um die Ecke bis zum nächsten Stern.

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