Ein Hotelpage in rotem Mantel und schwarzem Hut steht an einer offenen Glastür, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und blickt hinaus auf eine sanft beleuchtete Straße.
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Die Wunscherfüller

  • Ausgabe

    Online Exclusive

  • Ort

    Hamburg/Deutschland

  • Fotografie

    Hotel Vier Jahreszeiten

Was macht eigentlich ein Concierge? Nach wie vor setzen Luxushotels weltweit auf diesen Extra-Service – persönliche Ansprechpartner, die alles möglich machen. GG hat einen von ihnen begleitet: Luis Hänßgen, Concierge im Fünf-Sterne-Hotel Vier Jahreszeiten in Hamburg, eine der besten Adressen der Stadt.

Er blickt nach oben. Auf dem Dach wehen zwei Fahnen im Wind, die Deutsche und die Hamburger. Keine Löcher, keine Fransen, nichts verheddert. „An stürmischen Tagen hängen wir auf hier kleine wetterfeste Wimpel auf”, sagt Luis Hänßgen. Heute aber passt das große Besteck. Kurz streift Hänßgens Blick den Rolls-Royce, der an der Straße parkt, ein weißes Modell mit dunkelrotem Dach, die silberne Kühlerfigur blank poliert. Zwei Jugendliche bleiben stehen, nicht wegen des Autos.  „Entschuldigen Sie, wissen Sie, ob Sie hier Schülerjobs anbieten?" Hänßgen lächelt, nickt, verweist nach drinnen. Fragt ihn jemand, hat er immer eine Antwort. Das ist sein Job.

Hänßgen ist einer von zwei Concierges im Hotel Vier Jahreszeiten, dem Hamburger Inbegriff der Grandhotellerie, ausgezeichnet mit drei Michelin-Keys und gekürt zum  „Hotel des Jahres”. Seit fast 130 Jahren prägt das Fünf-Sterne-Haus das Stadtbild: Die weiße Fassade blendet in der Sonne, direkt unter dem grünen Kupferdach befindet sich die Bel Etage – die schönsten Suiten mit privatem Balkon und Blick auf die Binnenalster, eine Übernachtung vierstellig. Während Gäste ihre Städtereisen oft per Smartphone organisieren und KI nach Tipps fragen, leistet sich das Traditionshaus weiterhin zwei Männer, deren wichtigste Währung das persönliche Gespräch ist. Sie sind Gästewunscherfüller. 

Ein lächelnder Mann in einem dunklen Anzug und einer hellgrauen Krawatte, der zwei goldene Anstecknadeln trägt, in einem Innenraum vor einem warmen, unscharfen Hintergrund.
Der Hamburger Luis Hänßgen ist einer von zwei Concierges im Vier Jahreszeiten. Foto: Max Arens
Sonnenuntergang über einer Stadtsilhouette; im Vordergrund ein weißes Gebäude mit türkisfarbenem Dach und beleuchteten Fenstern, im Hintergrund Kräne und moderne Hochhäuser.
Das Hotel Vier Jahreszeiten Hamburg wurde mehrfach als bestes Hotel Deutschlands ausgezeichnet. Foto: Matthias Plander

Mit großen Schritten geht Hänßgen hinein. Die Treppe hoch, roter Teppich auf den Stufen, durch die Drehtür, nach links Richtung Lobby. Auf dem polierten Steinboden klackern die Absätze seiner Anzugschuhe. Zwei Gäste checken ein, zwei große Einkaufstüten auf dem Boden geparkt, orange Louis Vuitton und weiße Prada. Hänßgen geht zu seinem Platz, die Concierge-Loge. Ein Häuschen, passgenau in die dunkle Holzvertäfelung gebaut. Wie ein edler Kiosk mit Tresen, an dem der Gast nahezu alles bekommt, was er will.  „Klein aber fein”, sagt er. Vorne reihen sich die Titelseiten der Tageszeitungen: Le Figaro, FAZ, New York Times, Hamburger Abendblatt.

Immer wieder hebt Hänßgen den Blick, hat stets die Lobby im Auge. Sein Gesicht ist glatt rasiert, die Kurzhaarfrisur lässt keinen Raum für Strubeligkeit. Wie jeden Tag trägt er seine Uniform: dunkelblauer Nadelstreifenanzug, so sieht es der interne Dressguide vor. Heute hat er sich für eine rosa Krawatte entschieden. Am Revers glänzen zwei gekreuzte goldene Schlüssel. Sie sind das Symbol der exklusiven Vereinigung „Les Clefs d’Or“, ein Merkmal für exzellenten Service und Diskretion. Weltweit gehören ihr mehr als 4.000 Concierges an. In Hamburg sind es 19, elf der besten Hotels der Stadt setzen noch immer auf mindestens einen Service-Experten.

Eine luxuriöse, mit Holz vertäfelte Lounge mit bequemen roten und violetten Sesseln, einem Gemälde in Goldrahmen, Kronleuchtern, roten Vorhängen und gemütlichen Tischlampen.
Das Team bezeichnet die Wohnhalle liebevoll als das "Wohnzimmer" der Hamburger.

Zusammen mit seinem Kollegen Linus Eckmann zählt Hänßgen, Mitte zwanzig, zu den jüngsten Schlüsselträgern der Republik. Eigentlich wollte er nach dem Abitur Psychologie studieren, reiste beim Backpacking durch Südostasien und entdeckte in den Lobbys der Welt seine Leidenschaft für die Hotellerie. Nach seiner Ausbildung war die Loge im Vier Jahreszeiten unbesetzt. Gemeinsam mit Kollege Linus Eckmann, den er seit Tag Eins im Hotel kennt, erarbeitete er ein Konzept, sie überzeugten die Direktion und bekamen den Posten.

Keine zwei Minuten steht Hänßgen in seiner Loge, schon taucht der erste Gast vor ihm auf.  „Haben Sie eine Briefmarke für mich?” Hänßgen nickt, nimmt den Brief entgegen. „Das übernehmen wir gerne für Sie.“ Die 1,20 Euro würde das Haus niemals in Rechnung stellen. Kaum ist der Gast weg, erkundigt sich der nächste nach einer Hafenrundfahrt. Hänßgen empfiehlt eine Kombiroute mit Abstecher in die Speicherstadt. „Aber hier sind die Tourzeiten abhängig von der Tide”, sagt der gebürtige Hamburger. Einer Amerikanerin empfiehlt er für das Abendessen im Traditionsrestaurant Fischereihafen:  „You have to try the smoked eel.” Den besten Labskaus gibt es bei Hummer Pedersen – das weiche “d” verrät den Hamburger Jung. Hänßgen greift zum schwarzen Schnurtelefon: „Einen schönen guten Tag, Luis Hänßgen hier aus dem Hotel Vier Jahreszeiten in Hamburg. Meine Kolleginnen und Kollegen haben mir verraten, dass Sie gerne im September zum Tarzan Musical gehen würden”, ruft er routiniert einen Gast an. „Sehr gerne sind wir Ihnen dabei behilflich. Ich freue mich auf Ihren Rückruf.“

Zwei Männer in identischen marineblauen Zweireiher-Anzügen mit hellen Krawatten lächeln in einer luxuriösen, von Kronleuchtern erhellten Hotellobby.
Luis Hänßgen (links) und Kollege Linus Eckmann – beide wurden mit den goldenen Schlüsseln der Vereinigung „Les Clefs d’Or“ ausgezeichnet. Foto: Max Arens
Eine luxuriöse Hotellobby mit einem prächtigen Kristallleuchter, holzvertäfelten Wänden, Marmorböden, cremefarbenen Sofas und einer besetzten Rezeption.
Die Concierge-Loge befindet sich in der Lobby des Vier Jahreszeiten, nur wenige Schritte links neben der Rezeption.

Kurzfristige Ticketanfragen, Hafenrundfahrten, Stadtrundgänge – das ist Alltagsgeschäft im Concierge-Business. Grundsätzlich gilt:  „Alles wird möglich gemacht”, sagt Hänßgen.  „Zumindest alles, was erlaubt ist.” Ein Stammgast in der Präsidentensuite wollte unbedingt jeden Morgen eine gedruckte arabische Tageszeitung lesen. Das Team musste feststellen: Deutschlandweit wird keine einzige gedruckt. Eine Lösung musste her. Also kam das digitale Layout früh morgens per Mail aus London, sie ließen die Seiten kurzerhand selbst drucken. Das Exemplar lag jeden Tag pünktlich auf dem Frühstückstisch. Hänßgen schätzt das Teamgefühl im Haus:  „Alle ziehen am gleichen Strang. Auch bei Extrawünschen.” 

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Limousinenservice, Taxi, Ticketanbieter – die wichtigsten Kontakte stehen bei ihm auf Kurzwahltaste: Eine Reservierung in den gefragtesten Restaurants und Bars ist nur einen Anruf entfernt. Man kennt sich. Hänßgen empfiehlt daher:  „Wenn Sie Urlaub in einer fremden Stadt machen, gehen Sie dort in ein gutes Hotel und fragen Sie den Concierge nach Tipps – auch wenn Sie kein Gast sind. Dafür sind wir ja da.”
Einfach fragen, das ist Hänßgen sowieso am liebsten. Wenn jemand bei der Suche nach Hamburg-Tipps Google und Chatbots mehr vertraut als ihm, kann er das schwer nachvollziehen.  „Aber man kann niemanden zu seinem Glück zwingen”. 

Ein luxuriöses Schlafzimmer mit einem beigen, gepolsterten Kopfteil, weiß-goldener Bettwäsche und einem Wohnbereich mit einem Kristallleuchter.
Eine der Suiten im Vier Jahreszeiten. Die schönsten Zimmer bieten Blick auf die Binnenalster. Foto: Guido Leifhelm

Hotelmanager Jan Peer Lehfeldt kommt vorbei, bleibt auf einen kurzen Plausch an der Concierge-Loge stehen. Sie sprechen kurz über Fußball, der BVB spielt heute gegen Eimsbüttel. Ob Hänßgen selbst Fan ist? „Nur berufsbedingt.”
Auch Lehfeld ist geborener Hamburger, auch er absolvierte seine Ausbildung zum Hotelfachmann im Vier Jahreszeiten, Anfang der 2000er, arbeitete dann überall auf der Welt, kam 2023 zurück in seine Heimat. 

In fernen Ländern arbeiten, das möchte Hänßgen auch. Noch will er das Vier Jahreszeiten aber nicht verlassen. Die Concierge-Loge weiter ausbauen, das ist erstmal sein Plan. Die Stelle für einen weiteren Wunscherfüller ist schon ausgeschrieben.  „Ein Netzwerk ist nie fertig, da gibt es noch viel Potenzial in Hamburg.” 

Friedrich Haerlin erwarb das Vier Jahreszeiten 1897 für 420.000 Reichsmark. Nach fast 100 Jahren in Familienbesitz kaufte es ein japanischer Bauunternehmer. Nur ein Jahr später verkaufte er an die Hotelgruppe Raffles, 2007 übernahm Fairmont. Seit 2013 ist das Haus im Besitz der Vermögensverwaltung der Unternehmerfamilie Dohle, die kontinuierlich Millionen in Sanierung und Umbauten investierte. Das Service-Konzept mit Butler und Concierge hielt stand.

Selbst wenn er seine Loge mit Alsterblick eines Tages doch verlassen sollte – die Türen stehen offen, das zeigt auch die Geschichte seines Vorgesetzten im Hotel: Der geschäftsführende Direktor Ingo C. Peters fing hier als Page an, kam nach Stationen im Ausland zurück und leitet das Hotel seit 1997. 

Wieder klingelt das Telefon. Ein interner Anruf.  „Hallo, hier ist Luis.” Er klemmt den Hörer ans Ohr, hört zu, schreibt parallel eine Email. Noch ungefähr eine Stunde und unzählige Gespräche bis zum Feierabend. Dann heißt es: Anzug und Krawatte ablegen, zurück in Jeans und T-Shirt und mit der Bahn nach Hause.

Eine lächelnde junge Frau mit kurzen blonden Haaren und Creolen, die im Freien vor einem Steingebäude mit kunstvollen architektonischen Details steht.

Merle Wilkening

Als Senior Redakteurin beim GG Magazine schreibt Merle Wilkening über Menschen, Orte und Ideen, die unsere Welt bewegen. Am liebsten führt sie Interviews mit Persönlichkeiten, die mit echter Begeisterung von ihrer Leidenschaft erzählen. Ihre Neugier führt sie immer wieder auf Reisen – der Sonne entgegen, auf der Suche nach besonderen Begegnungen und den Geschichten hinter den schönsten Orten der Welt. Kulinarischen Entdeckungen folgt sie vom Lieblingslokal um die Ecke bis zum nächsten Stern.

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