Eine Person in einem weißen Gewand kniet in einem hellen, minimalistisch gestalteten Raum und blickt auf ein großes Bogenfenster, das den Blick auf das blaue Meer und die felsige Küste freigibt.
Mariko Mori

Die Visionärin des Lichts

  • Ausgabe

    03/2026

  • Ort

    Miyako Island, Japan

Sie selbst ist eine Erscheinung in Weiß. Ebenso strahlen ihre organisch-futuristischen Werke. Seit über dreißig Jahren erforscht die Künstlerin Mariko Mori die Existenz des menschlichen Seins. Sie schlägt eine Brücke zwischen Natürlichem und Übernatürlichem, moderner Technologie und Spiritualität. Eine Suche nach dem inneren Licht.

Hinter Mariko Mori tanzt ein animierter Hintergrund aus gleißendem Licht. Helle Strahlen erfüllen den digitalen Raum und umhüllen die Künstlerin, die konsequent ganz in Weiß gekleidet ist. Ihr Haar ist akkurat hochgesteckt, ihre Präsenz von einer tiefen, fast unerschütterlichen Ruhe geprägt. Während des Videocalls mit Tokio, wählt sie ihre Worte mit Bedacht. Wir sprechen am 11. März, einem Datum, das sich tief in das kollektive Gedächtnis Japans eingebrannt hat. Während die Nachrichten des Tages an die Tsunami-Katastrophe vor 15 Jahren erinnern, wirkt Moris Erscheinung wie ein stiller Gegenentwurf zur Dunkelheit.

Es ist diese bewusste Hinwendung zum Hellen, die ihr gesamtes künstlerisches Schaffen definiert. In ihren Arbeiten sucht Mariko Mori nach Antworten auf eine der größten Fragen der Menschheit: Was verbindet uns alle im Innersten? Ihre Werke sind der Versuch, die unsichtbaren Fäden zwischen dem menschlichen Geist, der Natur und dem unendlichen Kosmos spürbar zu machen. Betrachtet man ihr Schaffen der letzten drei Jahrzehnte, so gleicht es einer stetigen Verfeinerung ihrer Vision. Geboren 1967 in Tokio, begann sie ihre Karriere in den 1990er-Jahren mit performativen Arbeiten, in denen sie sich als Cyborg oder futuristische Manga-Göttin inszenierte. Mit der Zeit wandelte sich ihre Ästhetik, hin zu einer fast meditativen Klarheit. Heute verbindet sie Quanten- und Astrophysik mit uralten Philosophien – eine Reise, die uns letztlich zu unserem eigenen Ursprung zurückführt: dem Licht, aus dem wir alle bestehen.

Eine schillernde Metallskulptur mit einer geschwungenen, schiffsrumpfartigen Form in einer Galerie; im Vordergrund eine weiße Wendeltreppe.
„Wave UFO" ist eines der bekanntesten Werke Moris. Im Inneren der begehbaren Kunstinstallation können Besucher ihre visualisierten Hirnströme betrachten. Foto: Richard Learoyd

Kunst als Erkenntnisprozess

Ihr künstlerischer Stil hat sich im Laufe der Jahrzehnte verändert. Wie würden Sie die Essenz Ihrer Arbeit beschreiben?
Meine Arbeit erforscht die Natur des Bewusstseins, den Ursprung des Lebens und der Menschheit sowie unsere Beziehung zum Kosmos. Mit Anfang zwanzig habe ich begonnen, den menschlichen Geist zu hinterfragen – ob dieser ewig ist oder ob wir nach dem Tod verschwinden. Ich suche nach Antworten in der Philosophie, Spiritualität und Wissenschaft. Meine Werke schlagen eine Brücke zwischen Mythologien, Technologie und zeitgenössischer Kultur, um einen Raum zu erschaffen, in dem der Betrachter die Verbindung zu einer universellen Einheit spüren kann.

Wie interpretieren Sie in diesem Kontext den Begriff Flow?
Flow bedeutet für mich eine kontinuierliche Bewegung, die alle Formen der Existenz verbindet – von den kleinsten Elementarteilchen bis hin zum Rhythmus der Natur. Er repräsentiert die Energie von allem. In Werkreihen wie „Cyclic" oder „Ekpyrotic String" versuche ich diesen Fluss zu visualisieren: als endlose Kreise, fast wie ein unendliches Universum.

Eine Frau in einem weißen Kleid steht auf einer weißen, geschwungenen Treppe vor einer weißen Wand und blickt neben blassen, skulpturalen Blütenblättern nach oben.
Mariko Mori in ihrem Haus „Yuputira" auf der japanischen Insel Miyako. Es ist ihr privates Zuhause und gleichzeitig ein Ort der Kreativität, der Arbeit, der Meditation und der Begegnung mit der Natur. Foto: Yoshihiro Makino

Sie sprechen von Unendlichkeit. Ist also auch Ihre Kunst ein fortwährender Prozess ohne endgültige Antworten?
Es ist eine niemals endende Herausforderung. Es ist fast so, als öffne sich immer wieder eine Tür, die direkt zur nächsten führt. Ich habe noch keine endgültige Antwort gefunden, aber ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich spüre, was die Essenz unseres Lebens wirklich ist. Meine Werke sind das Vehikel, um diese Entdeckungen zu teilen.

Museumsinstallation: zentrale Glasvitrine mit rosa Punkten, flankiert von schwarzen und weißen Stoffbändern und hängenden Tropfen, unter einer vergoldeten Decke.
„Dream Temple", 1997-1999 Metall, Glas, Kunststoff, Glasfaser, Stoff, Vision Dome (3D-Halbkugel-Display), Audio 500 x 1000 cm, 196,85 x 393,7 Zoll. Foto: Richard Learoyd

Im Einklang mit Natur und Selbst

Fällt es Ihnen leichter, dies visuell durch die Kunst zu vermitteln, statt es in Worte zu fassen?
Ja, denn Sprache hat ihre Grenzen. Manche meiner Werke appellieren an alle sechs Sinne. Wenn ein Werk gelungen ist, kann es das tiefere Bewusstsein des Betrachters erreichen, der sich dann wahrhaftig mit der Arbeit verbindet. Wir haben ein oberflächliches Bewusstsein, aber darunter gibt es so viele Ebenen. Mit diesem tieferen Bewusstsein, das unsichtbar ist, sind wir in uns selbst immer verbunden. Ich hoffe, dass meine Arbeit diese tiefere Ebene erreicht.

Vollziehen Sie tägliche Rituale, um in diesen Zustand der tiefen Verbindung mit sich selbst zu gelangen?
Ich beginne meinen Alltag gerne mit einem Spaziergang zu einem Schrein in der Nähe meines Hauses und gehe etwa anderthalb Stunden durch den dazugehörigen Park. Außerdem praktiziere ich eine Form der Meditation, um mich zu fokussieren. Das hilft mir sehr. Vor allem aber versuche ich, mindestens einmal im Monat auf die Insel Miyako zu reisen, um dort Zeit zu verbringen und Teil der Natur zu sein. Dieses Gefühl ist für mich sehr kostbar.

Ein weißes, kuppelförmiges Gebäude mit runden Fenstern thront auf einer felsigen Küste und blickt bei Sonnenuntergang auf ein ruhiges, blaues Meer vor einem rosafarbenen Himmel.
„Yuputira" soll die Schönheit der natürlichen Umgebung widerspiegeln und ein Gefühl von Harmonie zwischen Innen und Außen erzeugen. Die Form erinnert an einen weiß gebleichten Korallenkörper. Foto: Yoshihiro Makino

Sie haben dort Ihr Haus „Yuputira" in organischem Design entworfen. Welche Atmosphäre wollten Sie erschaffen?
Ich wollte, dass es sich wie ein Teil der Landschaft anfühlt. Die Struktur spiegelt die natürliche Umgebung wider, um alles anzunehmen, was sie uns gibt. Die Formen sind beispielsweise so gestaltet, dass sie den starken Nordwind abfangen. Die Fenster sind bewusst ausgerichtet: die größeren zum Sonnenuntergang, die kleineren zum Sonnenaufgang. Gleichzeitig dachte ich an prähistorische Behausungen oder das Leben in einer Höhle – eine der allerersten Formen des menschlichen Zuhauses. Eine Höhle ist warm und schützend. Dieses Gefühl wollte ich in diesem Haus widerspiegeln.

Ich denke, dass der Raum in unserem Geist unendlich ist. Mit meinem Haus Yuputira wollte ich einen Ort erschaffen, der dieses Gefühl von Weite vermittelt.
Mariko Mori

Ist es nicht auch Teil der menschlichen Natur, dass sich ein Kind im Mutterleib genauso geschützt fühlt wie in einer Höhle?
Ja, es ist wie ein Kokon. Mein Haus „Yuputira" hat keine Ecken. Damit wollte ich einen Ort erschaffen, der dieses Gefühl von Weite vermittelt. Denn ich denke, dass der Raum in unserem Geist unendlich ist. Ich fühle mich in meinem Haus sehr geschützt vor Stürmen oder vor der rauen Natur.

Nahaufnahme einer asiatischen Frau mit kurzen schwarzen Haaren und einem dezenten Lächeln, die eine silberne Halskette trägt, vor einem strahlend weißen Hintergrund.
„Ich glaube, ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich spüre, was die Essenz unseres Lebens wirklich ist." – Mariko Mori. Foto: Kazuyoshi Shimomura

Von der Idee zur Technik

Bis viele Ihrer Projekte die physische Form annehmen, vergehen Jahre. Wie lange arbeiten Sie an Ihren Ideen?
Das ist unterschiedlich. An dem Entwurf für „Yuputira" habe ich fünf Jahre gearbeitet. Da es mein erstes Architekturprojekt war, musste ich viel Ingenieursforschung betreiben. Ich habe gelernt, dass sich Timing nicht erzwingen lässt. Manchmal muss ich warten, bis eine bestimmte Technologie verfügbar ist oder ich muss sie erst mit Ingenieuren entwickeln. Ich folge einfach dem Prozess – so wie ein Baby seine Zeit braucht, um geboren zu werden.

Wie wählen Sie die richtige Technologie für Ihre Projekte aus? Was kommt zuerst: die Technik oder die Idee?
Immer zuerst die Idee. Dann finde ich die passende Technologie. Ich hatte das Glück, in meiner Karriere großartige Systemingenieure zu treffen. Eine besondere Herausforderung war die Zusammenarbeit mit dem Nobelpreisträger Masatoshi Koshiba. Es war schwer, ihn zu überzeugen, aber ich habe nicht aufgegeben. Wissenschaftler sind sehr offen für neue Ideen. Es war eine großartige Gelegenheit, mehr über Elementarteilchen und Physik zu lernen. Dieser Prozess ist ein Geschenk, das mir dabei hilft, meine eigenen Antworten auf die Fragen zu finden, die ich in mir trage.

Leuchtende, rundliche, säulenartige Formen in Blau, Rosa und Violett erhellen ein Bett aus weißen Kieselsteinen in einem dunklen Raum.
Auf einer dunklen, grasbewachsenen Lichtung, umgeben von dichtem Wald, steht eine sanft leuchtende, ovale Skulptur auf einem Felssockel.

Werke zwischen Technologie und kosmischem Kreislauf

In Ihrem Werk „Tom Na H-iu" bilden Technologie und Installation eine sichtbare Einheit. Was war die Intention dahinter?
Tom Na H-iu ist das altkeltische Wort für das Jenseits. Ich habe viele prähistorische Stätten in England, Schottland und Japan besucht. Dort ist die Wiedergeburt der Natur ein universelles Thema. Ich wollte diese Idee visualisieren, indem ich eine interaktive Skulptur schuf, die mit dem Neutrinodetektor Super-Kamiokande verbunden ist. Wenn ein Stern in unserer Galaxie explodiert – eine Supernova –, passieren Neutrinos die Erde. Die Skulptur zeigt diese Bewegung in Echtzeit durch Licht an. Damit wollte ich daran erinnern, dass der Tod eines Sterns nicht bloß ein Ende ist, denn tatsächlich hängt unser Leben von den Atomen ab, die erst nach einer Supernova entstehen. Wir sind Teil eines kontinuierlichen Kreislaufs der Wiedergeburt, wie in der buddhistischen Philosophie der Reinkarnation.

Ein üppiger Dschungel umgibt einen mehrstufigen Wasserfall, der über Felsen hinabstürzt; auf der Klippe thront ein hellblauer Ring.
„Ring: One with Nature", 2016 Acryl, Edelstahl 300 x 300 cm, 118,11 x 118,11 in. Ortsspezifische Installation, Rio de Janeiro, Brasilien Foto: Faou Foundation

Licht und die Farbe Weiß sind Schlüsselelemente Ihrer Arbeit. Stimmt es, dass Sie ausschließlich Weiß tragen?
Ja, seit 1998. Klares Weiß im Sommer, gedeckteres Off-White im Winter. Weiß ist für mich die Farbe, die dem Licht am nächsten kommt. Ich hatte einst eine spirituelle Erfahrung mit einem Licht, das so hell war, dass man es nicht direkt ansehen konnte – so grell wie die Sonnenstrahlen. Aber dieses Licht war voller Liebe und Mitgefühl, millionenfach stärker, als ich es je zuvor erlebt hatte. Ich möchte mich an diese Erfahrung und dieses starke Gefühl der Liebe erinnern, deshalb trage ich immer Weiß.

Wird ein Kind geboren, erblickt es zum ersten Mal das Licht der Welt. Auch Menschen mit Nahtoderfahrungen sprechen häufig von einem hellen Licht. Ist Licht für Sie Teil des Lebenszyklus?
Ja. Für alle Lebewesen ist das innere Licht die treibende Energiekraft. Ist man zu sehr in der materialistischen Welt verhaftet, spürt man dieses Licht nicht. Umgibt man sich mit der Natur, beginnt man diese Energie zu spüren und sich an diese Reinheit zu erinnern.

Abstrakte weiße Skulptur mit sich windenden Spiralen um eine zentrale Säule, montiert auf einem runden Sockel in einer Galerie.
Weiße, glänzende, abstrakte Skulptur mit überdimensionalen, ineinander verschlungenen Ringen, die in einer Galerie aufgestellt ist und kreisförmige Schatten auf den Boden wirft.

Im Herbst zeigt das Mori Art Museum in Japan Ihre Werke. Was möchten Sie mit den Besuchern teilen?
Es ist eine Retrospektive, bei der man meiner Reise der letzten dreißig Jahre folgen kann. Bei jedem Schritt habe ich etwas gelernt und ich hoffe, dass die Zuschauer das auch erleben können. Die Antwort kommt erst, wenn man den Weg selbst geht – wie beim Sammeln von Samen. Folgt man in der Ausstellung meinem Weg, wird man hoffentlich auch meine Vision erkennen.

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Alle Bilder von Courtesy of the artist and Sean Kelly, New York.

Eine lächelnde junge Frau mit kurzen blonden Haaren und Creolen, die im Freien vor einem Steingebäude mit kunstvollen architektonischen Details steht.

Merle Wilkening

Als Senior Redakteurin beim GG Magazine schreibt Merle Wilkening über Menschen, Orte und Ideen, die unsere Welt bewegen. Am liebsten führt sie Interviews mit Persönlichkeiten, die mit echter Begeisterung von ihrer Leidenschaft erzählen. Ihre Neugier führt sie immer wieder auf Reisen – der Sonne entgegen, auf der Suche nach besonderen Begegnungen und den Geschichten hinter den schönsten Orten der Welt. Kulinarischen Entdeckungen folgt sie vom Lieblingslokal um die Ecke bis zum nächsten Stern.

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