Eine Reihe von Parfümflakons aus Glas mit goldgerippten Verschlüssen in einer Vitrine; auf den Etiketten steht „Master Cedar“, „Grey Myrrh“ und „After Hours“.
Azzi Glasser

Die Duftmagierin Hollywoods

  • 5 min. Lesezeit
  • von Mariam Schaghaghi
  • Ausgabe

    04/26

  • Ort

    London

Nur wenige Menschen verstehen es so gut wie Azzi Glasser, Geschichten unsichtbar
zu erzählen – mit individuellen Parfums. Ihre Fans heißen Austin Butler, Cindy Crawford,
Jude Law oder Johnny Depp. Auch, weil sie ihnen an Filmsets mit Düften bei ihrer Verwandlung hilft.

Eine stilvolle Frau in einem schwarzen Paillettenkleid sitzt in einer Apotheke, hält eine kleine Flasche in der Hand und hinter ihr stehen Regale mit beschrifteten Gläsern.
Azzi Glasser in ihrem Atelier am Londoner Rochester Square. Foto: Debbi Clark
Schwarz-Weiß-Foto von drei Freunden in einem Raum: links eine Frau in einem karierten Kleid, die eine Parfümflasche in der Hand hält, in der Mitte ein Mann mit einer Mütze, rechts eine Frau in einem schwarzen Oberteil.
Austin Butler, damals noch mit Freundin Kaia, löste einen echten Hype aus, als er in einem GQ-Questionnaire mal verriet, dass er immer die Duftkerzen Fig Ambrette und Rain on Earth von Azzi Glasser im Reisekoffer dabei hat.

Johnny Depp liebt den Geruch alter Bücher. Von vergilbten, staubigen, schweren Lederbänden, deren Seiten beim Aufschlagen knistern. Für Helena Bonham Carter ist ihr privates Parfum „schützende Wolke, unsichtbare Rüstung, ein emotionaler Anker und zugleich ein Tor zu einer Fantasiewelt“. Und Austin Butler machte die Londoner Parfümeurin Azzi Glasser plötzlich weltberühmt, als er in einem Interview beiläufig erwähnte, dass er nie ohne ihre Duftkerzen Rain on Earth verreist.

Azzi Glasser ist nicht nur eine „Nase“. Sie ist Alchemistin, Charakteranalytikerin, Geschichtenerzählerin, Seelen-Connaisseurin. Ihre ersten Parfums entwickelte sie mit nur 23 Jahren für Agent Provocateur – die rosaroten, ovalen Flacons sind bis heute Bestseller. Heute ist Glasser auf individuelle Düfte spezialisiert. Parfums, die eine Persönlichkeit hundertprozentig widerspiegeln. Die die Essenz eines Menschen materialisieren.

Wer der hochattraktiven, zierlichen Frau begegnet, merkt schnell: Glasser denkt nicht in Duftnoten, sondern in Geschichten. Ihr Label heißt bezeichnenderweise The Perfumer‘s Story. Denn jede ihrer Kreationen beginnt mit einer Story. „Ich führe ein Interview“, erklärt sie, „wie ein Journalist, oder fast schon wie ein Therapeut!“ Zwei, drei Stunden sitzt sie mit ihren Kunden zusammen, fragt nach Familie, Kindheit, Kleidungsstil, Träumen und Ängsten. Lord David Linley, der Earl of Snowdon, ist einer von Glassers Kunden. Nach seiner Sitzung stand er auf und sagte: „Das war die beste Therapiestunde, die ich je hatte. Kann ich für nächste Woche noch einen Termin buchen?

Ein Mann mit breitem Hut, Sonnenbrille, Schal und Tarnjacke posiert mit einer Frau in einem schwarzen Paillettenkleid; im Hintergrund sind Plakate zu sehen.
Best Buddies: Johnny Depp und Azzi Glasser lernten sich über Helena Bonham Carter kennen.
Zwei Frauen in Lederjacken sitzen an einem spiegelnden Tisch, auf dem Flaschen herumliegen; die eine schminkt die andere mit einem Pinsel auf der Nase.
Schnüffelnde Supermodels unter sich: Cindy Crawford bekam über ihre Tochter Kaia Gerber Zugang zu Azzi Glassers Duftreich.

Glasser lacht, als sie diese Anekdote erzählt. Wir sitzen auf der Terrasse des Hotels Le Majestic in Cannes, gegenüber dem Filmpalast. Die 56-Jährige besucht gerne Festivals. Die Duftmagierin glaubt, dass jeder Mensch zwei Persönlichkeiten besitzt: eine öffentliche und eine private. Die Kunst bestehe darin, beide wahrnehmbar – oder besser: riechbar – zu machen.

Auch bei Cindy Crawford führt die Suche nach dem Wesenskern zu einer erstaunlichen Geschichte. Ehemann Rande Gerber wollte sie zum 50. Geburtstag mit einem eigenen Duft überraschen. Das Problem: Cindy Crawford hasst Parfums, zumindest die meisten.

Glasser ließ sich vom Gatten alles über das Supermodel erzählen, entwickelte zwei Düfte und flog nach Kalifornien. Crawford erklärte ihr: „Nur wenn Rande und ich uns unabhängig voneinander für denselben Duft entscheiden, nehme ich das Geschenk an.“ Erst schnupperte er, dann sie – und beide tippten auf denselben Flacon. „Bingo!“, freut sich Glasser noch heute.  Auf Glassers Instagram-Account hat auch Crawford diesen Moment verewigt. „Auch wenn ich beide liebte, war eines davon auf Anhieb mein Favorit, da es sich anfühlte wie ein alter Freund“, steht dort.

Ein Mann mit kurzen Haaren in einer dunklen Jacke hält eine quadratische Parfümflasche in die Kamera, im Hintergrund sind Regale mit Flaschen und gerahmten Kunstwerken zu sehen.
Noel Gallagher von Oasis liebt Rockmusik, Gitarrenriffs und Glassers Duft Mystère Vetivert.
Schwarz-Weiß-Foto von drei Personen in festlicher Kleidung, die eng beieinander posieren: eine Frau auf der linken Seite und zwei Männer im Smoking.
Jude Law und der algerisch-brasilianische Regisseur Karim Aïnouz in Cannes zur Premiere des Films Firebrand. Der Schauspieler durfte sich Glassers diabolische Duftmischung für seinen Widerling Henry VIII. immer nur außerhalb der Studios aufsprühen.

Dass Azzi Glasser in Hollywood für Furore sorgte, war Zufall: Ihr Sohn ging in dieselbe Schule wie der Spross von Helena Bonham Carter und Regisseur Tim Burton. Aus Plaudereien am Schultor wurde Freundschaft. Doch erst bei einem Kindergeburtstag erfuhr Bonham Carter von Glassers Beruf. Gemeinsam entstand eine Idee: Warum nicht einer Filmfigur einen eigenen Duft geben?

Seitdem kreiert Azzi Glasser Gerüche, die eine Fantasiegestalt mit Leben erfüllen sollen – olfaktorische Einstiegshilfen sozusagen. In den vielen Jahren waren es allein für Bonham Carter die Bellatrix Lestrange aus Harry Potter, Princess Margaret in The Crown oder auch ihre ikonische Rote Königin in Alice im Wunderland. Als die Britin mal eine heruntergekommene Psychiaterin in Tim Burtons Dark Shadows spielte, ließ Glasser sie nach Gauloises und Whisky riechen. So beduftet, fragte Johnny Depp die Kollegin irritiert, ob sie ihre Rolle vielleicht zu nah an sich heranlasse  ... Und bat nach der Aufklärung sofort um Glassers Nummer. „Azzi besitzt eine Art Zauberkraft. Sie fängt die perfekte Essenz einer Figur in einem Duft ein“, schwärmt er seitdem.

Für Depp ließ Glasser die Essenz seines Vampirs in Dark Shadows aus dem Flakon entweichen. Dann entwickelte sie Old Books für sein Londoner Stadthaus, das nach Bibliotheken duftet, aber auch nach Unkonventionalität und Rock ’n’ Roll. Seitdem wurde Glasser als Tipp weitergereicht: Laura Linney erleichterte sie ihre Doppelrolle in The Little Foxes mit zwei unterschiedlichen Düften. Für Cate Blanchetts Bühnenauftritt in Die Möwe hatte sie nur zwei Tage Zeit, um eine doppelte Duftidentität zu kreieren. Auch Kylie Minogue, Orlando Bloom, Stephen Fry und Noomi Rapace gehören zu Glassers Kunden.

Schwarz-Weiß-Porträt eines Mannes mit zerzaustem Haar in einem dunklen Anzug, der mit ernstem Blick eine Parfümflasche in Richtung Kamera hält.
C ist einer der berühmtesten Düfte des Labels The Perfumer‘s Story – es heißt, er mache süchtig. Der irische Schauspieler Elijah Rowen ist ihm längst verfallen.
Eine Frau steht in einer hellen Küchenecke und trägt einen marineblauen LION-Pullover und einen blauen Rock mit Sternen; die Hände hat sie in den Taschen, hinter ihr stehen Regale mit Büchern und Flaschen.
Sie ist die Frau, deren Duftkreationen Hollywood verzaubern. Ihre ersten Parfums entwickelte Azzi Glasser mit 23 Jahren.

Am spektakulärsten war ihre Arbeit wohl beim Film „Firebrand“. In dem Historienfilm sollte Jude Law König Heinrich VIII. spielen – einen Tyrannen mit faulendem Bein und fortschreitender körperlicher Verwahrlosung. Also komponierte Glasser einen Duft, der nach Schweiß, Verwesung und Exkrementen roch. Als Law daran schnupperte, filmte sie ihn mit ihrem Handy: Erst verzog er das Gesicht und rief: „It is disgusting!“ Um unmittelbar nachzuschieben: „It is fantastic!“ Alicia Vikander, die seine Frau Katherine spielte, begrüßte Glasser bei der Premiere mit einer Mischung aus Humor und Verzweiflung: „Weißt du eigentlich, durch welche Hölle du mich geschickt hast?“

Azzi Glasser denkt größer als in Rollen. Sie hat ein Dutzend Hotels beduftet, Privathäuser, Ausstellungen – und sogar ein ganzes Land. Als David Cameron britischer Premier war, bat er sie, den Geruch Großbritanniens zu einzufangen. So entstand „Rain on Earth“. Ihre Inspiration: jener Moment, wenn Regen auf trockene Pflastersteine fällt. Später wurde genau dieser Duft zum Lieblingsparfum von Austin Butler.

Heute umfasst ihre Kollektion, die unter anderem im Londoner Luxuskaufhaus Liberty zu kaufen ist, dreizehn Düfte. Beim Launch im ABC Store in New York wurde ihre Marke im Nu zum Bestseller. Wer sich mit einem Custom Made-Parfum der Duftmagierin beglücken möchte, verlässt ihr Londoner Labor jedoch um 18.000 Pound leichter.

Trotz aller Prominenz spricht Glasser über Parfum mit der Begeisterung eines Kindes. Die Faszination begann, als sie ihrer Mutter beim Ankleiden für Abendeinladungen zusah. Das Aufsprühen des Parfums sei die Krönung gewesen, erinnert sie sich – und der Duftschweif, den die Mutter beim Verlassen des Raumes hinterließ, habe sie nie wieder losgelassen.

Vielleicht ist das das Geheimnis ihres Erfolgs. Azzi Glasser verkauft keine Düfte. Sie destilliert Erinnerungen, Sehnsüchte und Identitäten. Sie hilft Schauspielern, zu anderen Menschen zu werden. Und manchmal hilft sie Menschen sogar dabei, sie selbst zu sein.

Eine Frau mit blonden Haaren, die ein rotes Blumenkleid trägt, sitzt an einem gläsernen Schminktisch, umgeben von Parfümflakons und einem blauen Hortensienstrauß.
Mit über 25 Jahren Erfahrung versteht sich Azzi Glasser als Vorreiterin in der traditionellen Parfumindustrie. In ihrer konzeptionellen Arbeit mit Hollywood-Stars und Musikern kreiert sie immer wieder außergewöhnliche Charakterdüfte. 2016 launchte sie ihre eigene Marke The Perfumer’s Story.

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