Ausgabe
04/26
Ort
London
Nur wenige Menschen verstehen es so gut wie Azzi Glasser, Geschichten unsichtbar
zu erzählen – mit individuellen Parfums. Ihre Fans heißen Austin Butler, Cindy Crawford,
Jude Law oder Johnny Depp. Auch, weil sie ihnen an Filmsets mit Düften bei ihrer Verwandlung hilft.


Johnny Depp liebt den Geruch alter Bücher. Von vergilbten, staubigen, schweren Lederbänden, deren Seiten beim Aufschlagen knistern. Für Helena Bonham Carter ist ihr privates Parfum „schützende Wolke, unsichtbare Rüstung, ein emotionaler Anker und zugleich ein Tor zu einer Fantasiewelt“. Und Austin Butler machte die Londoner Parfümeurin Azzi Glasser plötzlich weltberühmt, als er in einem Interview beiläufig erwähnte, dass er nie ohne ihre Duftkerzen Rain on Earth verreist.
Azzi Glasser ist nicht nur eine „Nase“. Sie ist Alchemistin, Charakteranalytikerin, Geschichtenerzählerin, Seelen-Connaisseurin. Ihre ersten Parfums entwickelte sie mit nur 23 Jahren für Agent Provocateur – die rosaroten, ovalen Flacons sind bis heute Bestseller. Heute ist Glasser auf individuelle Düfte spezialisiert. Parfums, die eine Persönlichkeit hundertprozentig widerspiegeln. Die die Essenz eines Menschen materialisieren.
Wer der hochattraktiven, zierlichen Frau begegnet, merkt schnell: Glasser denkt nicht in Duftnoten, sondern in Geschichten. Ihr Label heißt bezeichnenderweise The Perfumer‘s Story. Denn jede ihrer Kreationen beginnt mit einer Story. „Ich führe ein Interview“, erklärt sie, „wie ein Journalist, oder fast schon wie ein Therapeut!“ Zwei, drei Stunden sitzt sie mit ihren Kunden zusammen, fragt nach Familie, Kindheit, Kleidungsstil, Träumen und Ängsten. Lord David Linley, der Earl of Snowdon, ist einer von Glassers Kunden. Nach seiner Sitzung stand er auf und sagte: „Das war die beste Therapiestunde, die ich je hatte. Kann ich für nächste Woche noch einen Termin buchen?


Glasser lacht, als sie diese Anekdote erzählt. Wir sitzen auf der Terrasse des Hotels Le Majestic in Cannes, gegenüber dem Filmpalast. Die 56-Jährige besucht gerne Festivals. Die Duftmagierin glaubt, dass jeder Mensch zwei Persönlichkeiten besitzt: eine öffentliche und eine private. Die Kunst bestehe darin, beide wahrnehmbar – oder besser: riechbar – zu machen.
Auch bei Cindy Crawford führt die Suche nach dem Wesenskern zu einer erstaunlichen Geschichte. Ehemann Rande Gerber wollte sie zum 50. Geburtstag mit einem eigenen Duft überraschen. Das Problem: Cindy Crawford hasst Parfums, zumindest die meisten.
Glasser ließ sich vom Gatten alles über das Supermodel erzählen, entwickelte zwei Düfte und flog nach Kalifornien. Crawford erklärte ihr: „Nur wenn Rande und ich uns unabhängig voneinander für denselben Duft entscheiden, nehme ich das Geschenk an.“ Erst schnupperte er, dann sie – und beide tippten auf denselben Flacon. „Bingo!“, freut sich Glasser noch heute. Auf Glassers Instagram-Account hat auch Crawford diesen Moment verewigt. „Auch wenn ich beide liebte, war eines davon auf Anhieb mein Favorit, da es sich anfühlte wie ein alter Freund“, steht dort.


Dass Azzi Glasser in Hollywood für Furore sorgte, war Zufall: Ihr Sohn ging in dieselbe Schule wie der Spross von Helena Bonham Carter und Regisseur Tim Burton. Aus Plaudereien am Schultor wurde Freundschaft. Doch erst bei einem Kindergeburtstag erfuhr Bonham Carter von Glassers Beruf. Gemeinsam entstand eine Idee: Warum nicht einer Filmfigur einen eigenen Duft geben?
Seitdem kreiert Azzi Glasser Gerüche, die eine Fantasiegestalt mit Leben erfüllen sollen – olfaktorische Einstiegshilfen sozusagen. In den vielen Jahren waren es allein für Bonham Carter die Bellatrix Lestrange aus Harry Potter, Princess Margaret in The Crown oder auch ihre ikonische Rote Königin in Alice im Wunderland. Als die Britin mal eine heruntergekommene Psychiaterin in Tim Burtons Dark Shadows spielte, ließ Glasser sie nach Gauloises und Whisky riechen. So beduftet, fragte Johnny Depp die Kollegin irritiert, ob sie ihre Rolle vielleicht zu nah an sich heranlasse ... Und bat nach der Aufklärung sofort um Glassers Nummer. „Azzi besitzt eine Art Zauberkraft. Sie fängt die perfekte Essenz einer Figur in einem Duft ein“, schwärmt er seitdem.
Für Depp ließ Glasser die Essenz seines Vampirs in Dark Shadows aus dem Flakon entweichen. Dann entwickelte sie Old Books für sein Londoner Stadthaus, das nach Bibliotheken duftet, aber auch nach Unkonventionalität und Rock ’n’ Roll. Seitdem wurde Glasser als Tipp weitergereicht: Laura Linney erleichterte sie ihre Doppelrolle in The Little Foxes mit zwei unterschiedlichen Düften. Für Cate Blanchetts Bühnenauftritt in Die Möwe hatte sie nur zwei Tage Zeit, um eine doppelte Duftidentität zu kreieren. Auch Kylie Minogue, Orlando Bloom, Stephen Fry und Noomi Rapace gehören zu Glassers Kunden.


Am spektakulärsten war ihre Arbeit wohl beim Film „Firebrand“. In dem Historienfilm sollte Jude Law König Heinrich VIII. spielen – einen Tyrannen mit faulendem Bein und fortschreitender körperlicher Verwahrlosung. Also komponierte Glasser einen Duft, der nach Schweiß, Verwesung und Exkrementen roch. Als Law daran schnupperte, filmte sie ihn mit ihrem Handy: Erst verzog er das Gesicht und rief: „It is disgusting!“ Um unmittelbar nachzuschieben: „It is fantastic!“ Alicia Vikander, die seine Frau Katherine spielte, begrüßte Glasser bei der Premiere mit einer Mischung aus Humor und Verzweiflung: „Weißt du eigentlich, durch welche Hölle du mich geschickt hast?“
Azzi Glasser denkt größer als in Rollen. Sie hat ein Dutzend Hotels beduftet, Privathäuser, Ausstellungen – und sogar ein ganzes Land. Als David Cameron britischer Premier war, bat er sie, den Geruch Großbritanniens zu einzufangen. So entstand „Rain on Earth“. Ihre Inspiration: jener Moment, wenn Regen auf trockene Pflastersteine fällt. Später wurde genau dieser Duft zum Lieblingsparfum von Austin Butler.
Heute umfasst ihre Kollektion, die unter anderem im Londoner Luxuskaufhaus Liberty zu kaufen ist, dreizehn Düfte. Beim Launch im ABC Store in New York wurde ihre Marke im Nu zum Bestseller. Wer sich mit einem Custom Made-Parfum der Duftmagierin beglücken möchte, verlässt ihr Londoner Labor jedoch um 18.000 Pound leichter.
Trotz aller Prominenz spricht Glasser über Parfum mit der Begeisterung eines Kindes. Die Faszination begann, als sie ihrer Mutter beim Ankleiden für Abendeinladungen zusah. Das Aufsprühen des Parfums sei die Krönung gewesen, erinnert sie sich – und der Duftschweif, den die Mutter beim Verlassen des Raumes hinterließ, habe sie nie wieder losgelassen.
Vielleicht ist das das Geheimnis ihres Erfolgs. Azzi Glasser verkauft keine Düfte. Sie destilliert Erinnerungen, Sehnsüchte und Identitäten. Sie hilft Schauspielern, zu anderen Menschen zu werden. Und manchmal hilft sie Menschen sogar dabei, sie selbst zu sein.





