• 5 min. Lesezeit
  • 26.05.2026
  • von Doya Karolini

Das Modelabel Zeus+Dione: Die Kraft der Fäden

Zwei Personen sitzen auf einem grünen Sofa vor einem schlichten Hintergrund. Beide sind leger in weißen Oberteilen gekleidet und blicken in die Kamera.
Foto von: Yiorgos Kaplanidis
  • Ausgabe

    02/26

  • Ort

    Griechenland

  • Fotografie

    Yiorgos Kaplanidis, Panos Davios

Dimitra Kolotoura, Gründerin und CEO, und Marios Schwab, Kreativchef des griechischen Fashionlabels Zeus+Dione über die stille Macht von Erbe, Form, Emotion – und über die Architektur des Handwerks.

Inhaltsverzeichnis

  1. Struktur in klaren Linien

  2. Fluides Handwerk

  3. Die Sinnlichkeit der Handwerkskunst

  4. Von der Ägäis in die Zukunft

Eine Frau in einem grünen, strukturierten Kleid geht draußen neben einer Holztür und einer strukturierten Wand entlang, während das Sonnenlicht sanfte Schatten wirft.
Dimitra Kolotoura und Marios Schwab sind die beiden Kräfte, die Zeus+Dione durch Balance, Zurückhaltung und Bedeutung prägen. Ihre Sprache der Wahrheit ist die Handarbeit, die in der Frühjahr-/Sommerkollektion 2026 sicht- und fühlbar wird. Foto: Panos Davios

Struktur in klaren Linien

So stark wie eine Faser, so fein wie eine Oberfläche. Seide ist das fundamentale Material von Zeus+Dione – und zugleich der Geist, der die Begegnung zwischen Dimitra Kolotoura und Marios Schwab prägt. Zwei eigenständige Kräfte treffen an der fragilen Schnittstelle von Erinnerung und Form, von Strategie und Intuition sowie von kultureller Tiefe und visueller Disziplin aufeinander. Zwei Perspektiven, die sich nicht gleichen, sondern ergänzen und gemeinsam die Identität von Zeus+Dione als lebendigen Organismus formen – nicht als statische Idee. In ihrem Zusammenspiel entsteht eine gemeinsame Sprache der Zurückhaltung, der Sinnlichkeit und der Bedeutung. In dieser Sprache wird das griechische Erbe nicht als starres Symbol verstanden, sondern als fortwährende, sich wandelnde Energie, die durch Stoffe, Silhouetten und Emotionen fließt.

Der Goldene Schnitt und die klaren Linien im dorischen Rythmus bilden die Grundlage für mein Körperverständnis.
Marios Schwab

Im Zentrum dieses Dialogs steht die Idee einer zeitgenössischen hellenischen Identität, die nicht die Vergangenheit zitiert, sondern ihre Essenz verkörpert. „Sie definiert sich an der Schnittstelle von Tradition und moderner Sinnlichkeit, als lebendiger Ausdruck der architektonischen Klarheit, der kulturellen Tiefe und der sonnengetränkten Leichtigkeit Griechenlands“, sagt Dimitra Kolotoura. Diese Identität manifestiert sich in Kollektionen mit skulpturalen Silhouetten, dorischer Reduktion und sinnlichen Seiden, in denen Handwerk zu zeitgemäßem Luxus erhoben wird. Ihre internationale Strahlkraft entsteht laut Kolotoura nicht durch visuelle Überladung, sondern durch Klarheit, Authentizität und emotionale Wahrhaftigkeit.

Das Handgemachte bildet eine zentrale Säule dieser Welt. „Handwerk ist unsere Sprache der Wahrheit“, erklärt sie. Es impliziert Respekt vor Zeit, Virtuosität und der menschlichen Note – eine Disziplin, die Geduld und Hingabe verlangt und gegenwärtig für eine Form von Luxus steht, die Seltenheit und Sinn in sich vereint. Die bewusste Langsamkeit des Webens, die skulpturale Qualität von Jacquards und die Präzision handgearbeiteter Details erscheinen hier nicht als nostalgische Gesten, sondern als zeitgenössische Statements von Wert und Seele.

Form, Struktur und Proportion finden durch eine ausgeprägt architektonische Perspektive ihren Weg in dieses Universum. „Der Goldene Schnitt und die klaren Linien des dorischen Rhythmus bilden die Grundlage meines Verständnisses vom Körper und von der Ästhetik von Zeus+Dione“, erklärt Marios Schwab. Diese Prinzipien bestimmen die Balance und Proportion der Marke sowie ihre stille Kraft – es sind Silhouetten, die durch Zurückhaltung sprechen, nicht durch Volumen. Schwabs Rückkehr zu seinen griechischen Wurzeln ist frei von Sentimentalität; sie lebt von Kontrasten und Spannungen. „Die Energie dieses Ortes, mit all seinen Widersprüchen, bewegt mich am meisten“, erklärt er.

Eine Person steht auf der Straße, trägt ein schwarzes „ZEUS“-T-Shirt und einen gemusterten Rock und hat eine Hand am Kopf.
Eine Frau mit Sonnenbrille, die an einer Metallfläche lehnt, in warmes Sonnenlicht getaucht, vor dem Hintergrund eines modernen Gebäudes.
Eine Frau in einem hellen Badeanzug und einem dunklen Bademantel steht mit verschränkten Armen vor einem verzierten Fenster und blickt in die Kamera.

Fluides Handwerk

In seinen Augen symbolisiert handwerkliche Arbeit nicht eine technische Übung, sondern einen emotionalen Impuls. „Für mich beginnt Handwerk mit Fluidität“. Die Sinnlichkeit von Seidenjacquard ist immer der erste Impuls.“ Form und Oberfläche stehen in ständigem Dialog, beeinflussen sich gegenseitig, während gewebte grafische Linien den Takt vorgeben, der den Fall des Stoffes lenkt und schließlich die Silhouette definiert. Langsamkeit wird dabei selbst zum Prinzip. „Ich schütze den Rhythmus des Handgemachten, indem ich ihn als Disziplin behandle. Raum für Beobachtung, Experiment und Verfeinerung zu schaffen, lässt handwerkliche Arbeit atmen.“ So wird der handwerkliche Prozess zum Gegengewicht zur Geschwindigkeit – und zu einem integralen Bestandteil des Endergebnisses.

In einem schnellen, automatisierten globalen Markt wird Authentizität nicht als Widerstand gegen Veränderung verstanden, sondern als bewusste Verankerung im Ursprung. Von Beginn an ging es nie darum, den Zyklen der Fast Fashion zu folgen, sondern Stücke zu schaffen, die Bestand haben. „Wir schützen unser Credo, indem wir eng mit den Gemeinschaften und Kunsthandwerkern und Kunsthandwerkerinnen verbunden bleiben, die unserer Vision Leben einhauchen“, betont Kolotoura. „Wir wachsen bewusst und stellen sicher, dass jedes Stück die Integrität seines Ursprungs trägt. Authentizität bewahrt man nicht, indem man Evolution verhindert, sondern indem man Handwerk in einen modernen Kontext hebt, in dem sein Wert verstanden und geschätzt wird.“

Für mich beginnt die Handwerkskunst mit Fluidität. Die Sinnlichkeit von Seide ist immer der erste Impuls.
Marios Schwab

Wenn Kolotoura auf die Anfänge der Marke zurückblickt, erinnert sie sich an den Moment, in dem ihr bewusst wurde, dass Zeus+Dione eine Verantwortung über die Mode hinaus trägt. Sie erlebte mit, wie traditionelle Handwerke und mit ihnen die Lebensgrundlagen der Kunsthandwerker, die diese bewahrten, verschwanden. „Mir wurde klar, dass Zeus+Dione mehr sein kann als eine Modemarke. Wir könnten eine kulturelle Brücke sein, die das Erbe würdigt und ihm gleichzeitig neue Relevanz verleiht“, fügt sie hinzu. Von diesem Zeitpunkt an wurde die Verantwortung, das griechische Handwerk zu bewahren, zu fördern und weiterzuentwickeln, zur Grundlage der Marke. Dabei werden wirtschaftliche Strategie und emotionale Tiefe nicht als Gegensätze, sondern als voneinander abhängig verstanden. „Strategie und Emotion sind keine Gegenspieler. Sie bedingen einander. Die tiefgreifende Kultur der Marke verleiht der Strategie ihre Bedeutung.“ Kreative Leitung entsteht nicht aus starren Konzepten, sondern aus kontinuierlichen Impulsen.

Eine Frau in einer roten Bluse lacht mit einem Mann in einem weißen Hemd, der lächelt; beide wirken fröhlich in einem hellen Raum.
Kontinuität statt Kontraste: Mit ihren ergänzenden Sichtweisen schaffen Kolotoura und Schwab Stimmigkeit. Foto: Yiorgos Kaplanidis

Die Sinnlichkeit der Handwerkskunst

Schwab schöpft intensiv aus den Widersprüchen Griechenlands selbst, einem Ort, den er als „roh und raffiniert, antik und modern, geerdet und ungezähmt“ beschreibt. Diese Spannungen nähren den emotionalen Kern seiner Designsprache. „Farbe, Komposition und Form entstehen aus täglichen Impulsen, aus dem Nebeneinander urbaner Energie und gelebter Geschichte“.

Zu den bedeutendsten kreativen Risiken zählt für ihn die Modernisierung und Erweiterung der charakteristischen Jacquards der Marke. „Die Jacquards weiterzuentwickeln und anzupassen, um eine jüngere, modeaffine Zielgruppe anzusprechen, war eines der wichtigsten kreativen Risiken, die ich eingegangen bin“, erklärt er. Doch jede Evolution bleibt im Ursprung verankert. „Da jede Kollektion mit Rohmaterialien, Stoffen und Bewegungen beginnt, bleibt die Kernästhetik der Marke unverändert.“

Handwerkskunst wird nicht als die Vergangenheit der Marke beschrieben, sondern als ihr Innovationsmotor. „Sie soll sich durch Kooperationen, Experimente und die Integration von traditionellem Know-how mit moderner Technologie weiterentwickeln. Das Wesentliche bleibt erhalten, aber ihre Ausdrucksform erweitert sich“, so Kolotoura. International findet Zeus+Dione bei einem Publikum Anklang, das Design, Materialität und kulturelles Storytelling schätzt. „Unser Publikum ist neugierig, weit gereist und stellt Authentizität über Logos. Es sucht nach Artikeln mit narrativem Wert und emotionaler Resonanz.“

Von der Ägäis in die Zukunft

Auf die Frage, welcher Ort in Griechenland Zeus+Dione am besten verkörpern würde, lächeln beide. Vor ihrem inneren Auge erscheint eine einfache Kykladeninsel. „Alles ist auf das Wesentliche reduziert: Licht, Reinheit, Authentizität, Sinnlichkeit und Handwerkskunst“, schwärmt Kolotoura.

Und auf die Frage, welches Gefühl das Tragen ihrer Kreationen empfinden sollte, antwortet Schwab ohne zu zögern: „Mühelose Sinnlichkeit“. Zwei Worte, die die gesamte Philosophie der Marke auf den Punkt bringen. Was das Vermächtnis betrifft, ist die Vision klar definiert: Zeus+Dione soll das Label sein, das griechischen Luxus für die moderne Welt neu definiert hat. Ein Unternehmen, die das handwerkliche Erbe bewahrt und ihm gleichzeitig globale Relevanz verleiht. „Letztendlich wäre es unser Vermächtnis, zukünftige Kreative dazu zu inspirieren, Griechenland nicht nur als Geschichte zu sehen, sondern als eine fortwährende Quelle der Innovation und der kreativen Kraft“, fügt Kolotoura hinzu. In dieser Vision wird Tradition nicht als Erinnerung bewahrt, sondern als Bewegung freigesetzt – als ein Versprechen, das weitergetragen werden muss.

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