• 2 min. Lesezeit
  • 5.6.2026
  • von Merle Wilkening

Abgetaucht – ein Interview mit Apnoetaucher Guillaume Néry

Ein Freitaucher im Neoprenanzug liegt auf dem sandigen Meeresgrund zwischen Felsformationen im tiefblauen Wasser.
Foto von: Audrey Natera
  • Ausgabe

    03/26

  • Ort

    Côte Azur, Frankreich

  • Fotografie

    Audrey Natera / Guillaume Néry

Vom Weltrekordhalter im Tieftauchen zum künstlerischen Visionär: Der französische Apnoetaucher Guillaume Néry erforscht mit nur einem Atemzug die Tiefen der Ozeane. Ein Gespräch über die Stille unter Wasser, die heilende Kraft des Loslassens und die Magie der Schwerelosigkeit. 

Inhaltsverzeichnis

  1. Vom Rekord zur Tiefe

  2. Der Unfall und sein Neuanfang

  3. Erzähler des Meeres

Ein Mann in Badehose und Schwimmbrille treibt ruhig im tiefblauen Meer, während über ihm eine Spur von Blasen aufsteigt.
Die Freiheit des Apnoetauchens erlaubt es Guillaume Néry, sich schwerelos unter Wasser zu bewegen und neue Perspektiven zu entwickeln. Foto: Audrey Natera

Vom Rekord zur Tiefe

Über vierzehn Jahre lang prägte Guillaume Néry den Apnoesport, tauchte in Tiefen von über 120 Metern und jagte einen Weltrekord nach dem anderen. Ein schwerer Unfall im Jahr 2015 markierte jedoch eine Zäsur. Er überlebte einen Blackout und entschied sich gegen den Wettkampfmodus, um eine neue, innigere Verbindung zum Meer zu finden. Heute nutzt er seine Gabe, um die Unterwasserwelt künstlerisch zu interpretieren und seine Faszination für die Tiefe mit anderen zu teilen.

Guillaume, Sie bezeichnen sich selbst als „aquatischer Mensch”. Ist Wasser Ihr wahres Element?
Ich fühle mich im Wasser sehr wohl, aber genauso an Land oder in den Bergen. Ich bin einfach glücklich, wenn ich mit der wilden Natur in Kontakt trete. Ich wuchs an der Küste Nizzas auf, doch den eigentlichen Startschuss gab eine Mutprobe als Teenager. Ein Freund und ich wetteten, wer länger die Luft anhalten konnte – ich verlor beim ersten Versuch. Danach habe ich angefangen, zu trainieren, und gemerkt, dass ich eine besondere Begabung dafür habe. Das Meer wurde zu einem Ort, an dem ich mich vollkommen frei fühle.

Viele Menschen fürchten die Dunkelheit des tiefen Meeres. Warum ist das bei Ihnen anders?
Ich verstehe diese Angst, denn das dunkle Meer steht für das Unbekannte. Doch sobald man eine Tauchmaske aufsetzt und sich Schritt für Schritt vortastet, entdeckt man eine Welt voller Wunder und Schwerelosigkeit. Es ist wie in einem riesigen Wald: Es gibt Gefahren, aber wenn man der Natur mit Demut und Respekt begegnet, ist es ein wundervoller Ort, um sich  selbst zu finden.

Ein Mann mit kurzen Haaren und Bart, der ein blaues Hemd trägt, steht im Freien vor einem verschwommenen Hintergrund aus Wasser und Grün.
1982 in Nizza geboren und aufgewachsen, ist das Mittelmeer für Guillaume Néry seit seiner Kindheit der tägliche Horizont. Auch heute lebt und trainiert er an der Côte d’Azur. Foto: Guillaume Néry

Der Unfall und sein Neuanfang

Wie fühlt es sich an, so tief zu tauchen?
In der Tiefe wird der Körper von enormem Druck komprimiert. Man muss lernen, diesen nicht zu bekämpfen, sondern ihn zu akzeptieren und alle Spannung loszulassen. Wenn man das schafft, fühlt es sich fast an wie ein Schutz an, der einen umhüllt. Man ist tief in sich selbst versunken und gleichzeitig mit der Unendlichkeit des Ozeans verbunden. Es ist diese perfekte Ausrichtung von Körper, Geist und Umgebung. Ein sehr meditativer Zustand.

Sie erlitten 2015 einen schweren Unfall: Aufgrund eines Messfehlers der Organisation tauchten Sie bei einem Rekordversuch auf 139 Meter – zehn Meter tiefer als eigentlich geplant. Wie blicken Sie heute auf diesen Moment zurück?
Solche Unfälle – wir nennen sie Blackouts – gehören zum Freediving dazu. Es war beeindruckend, sich selbst danach auf Video zu sehen. Es sah fast so aus, als würde ich sterben. Aber dieser Moment war ein Wendepunkt. Ich hatte vierzehn Jahre lang versucht, meine Grenzen zu übertreffen. Nach dem Unfall entschied ich mich, mit der Jagd nach Rekorden aufzuhören. Ich liebe die Tiefe immer noch, aber heute geht es mir um die Erkundung und das reine Vergnügen, nicht mehr um eine Zahl. Ich trainiere zwar immer noch täglich, aber es fällt mir jetzt viel leichter, weil der Leistungsdruck weg ist.

Video: Kurzfilm "One Breath Around The World".

Erzähler des Meeres

Wie sind Sie zur Unterwasserfotografie und  zu Ihren Filmprojekten gekommen?
Ich hatte schon mit meinen künstlerischen Projekten begonnen, als ich noch aktiv an Wettkämpfen teilnahm. Mein erster Kurzfilm Free Fall hatte einen unglaublichen, unerwarteten Erfolg und wurde weltweit millionenfach gesehen. Das hat mir das Vertrauen gegeben, weiterzumachen. Später folgten Projekte wie ein Musikvideo für Beyoncé und mein Film "One Breath Around the World", auf den ich besonders stolz bin, weil er genau die Bilder zeigt, von denen ich als Taucher immer geträumt habe. Heute konzentriere ich mich sehr auf das Schreiben. Es ist eine weitere Art, meine Leidenschaft zu teilen und die Stille der Unterwasserwelt in Worte zu fassen. Gerade arbeite ich an einem Buch über die Apnoetaucherin Natalia Molchanova, die gleichzeitig mit ihrem Sohn einen Weltrekord aufstellte – eine extreme Seltenheit.

Heute geben Sie Ihr Wissen an andere weiter. Warum ist es so wichtig, richtig zu atmen?
Mit der Bluenery Academy wollte ich einen Ort schaffen, an dem es nicht darum geht, Rekorde zu brechen, sondern eine neue Perspektive zu gewinnen. Viele Menschen sind heute extrem gestresst und haben die Verbindung zu ihrem Körper und ihrer Atmung verloren. Dabei ist die Atmung das einzige Werkzeug unseres autonomen Nervensystems, das wir bewusst steuern können. Wasser und die bewusste Atmung sind Wege, um in unserer lauten Welt wieder echte Stille und Leere zu finden – ein Luxus, der heute wertvoller ist denn je.

Sie sind Vater von zwei Kindern. Geben Sie ihnen diese Leidenschaft für das Wasser weiter?
Mein Sohn hat gerade erst mit dem Babyschwimmen angefangen. Meine Tochter ist jedoch von Geburt an mit uns gereist und ist schon mit Haien und Pottwalen geschwommen. Lange Zeit hatte sie Probleme mit dem Druckausgleich, inzwischen liebt sie es und taucht bis auf 20 Meter. Ich würde sie aber niemals drängen. Die Liebe zum Meer muss ganz natürlich von selbst kommen – oder eben nicht.

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