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- 11.03.2026
Wenn Vermögen zur Zerreißprobe wird
Ein Gespräch mit der Rechtsanwältin und Mediatorin Dr. Andrea Peters über Erbengemeinschaften, Immobilien und die stille Vermögenswelle.

In den kommenden Jahren wird in Deutschland so viel Vermögen vererbt wie nie zuvor. Ein erheblicher Teil davon steckt in Immobilien. Gleichzeitig nehmen Konflikte in Erbengemeinschaften spürbar zu. Woran liegt das und warum wird aus einem Eigenheim so häufig ein Streitfall?
Frau Dr. Peters, mit welchen Konstellationen kommen Mandanten am häufigsten zu Ihnen?
Es gibt zwei typische Ausgangspunkte.
Der erste: Investor oder privater Immobilieneigentümer zumeist im fortgeschrittenen Alter stellen fest, dass sie das Thema Nachfolge nicht weiter verdrängen können, sich ihm vielmehr stellen und ihre Nachfolge regeln sollten. Häufig gibt es mehrere Kinder, manchmal auch komplexe familiäre Strukturen wie Patchwork. Die Herausforderungen liegen dann in Themen wie den Pflichtteilsansprüchen und der nötigen Liquidität zu ihrer Erfüllung oder auch in der Verteilung der vorhandenen Vermögenswerte. Denn oftmals lassen sich die großen Nachlasswerte nicht ohne weiteres aufteilen oder haben deutlich voneinander abweichende Verkehrswerte, insbesondere bei Immobilien oder Unternehmen zeigt sich dies immer wieder. Im Ergebnis geht es also um die Nachfolgeplanung und deren Gestaltung.
Der zweite Fall ist deutlich konfliktreicher: Der Erbfall ist bereits eingetreten. Mehrere Kinder bilden eine Erbengemeinschaft, sind sich uneinig und sprechen teilweise nicht mehr miteinander. In dieser Phase treten alte familiäre Spannungen offen zutage. Vordergründig geht es um Vermögenswerte, tatsächlich aber häufig um Anerkennung, Gerechtigkeit oder alte Konflikte, die seit Jahren unausgesprochen unter der Oberfläche schwelen.
Das klingt weniger nach Juristerei als nach Mediation.
Beides gehört zusammen.
Ein gerichtliches Verfahren schafft zwar eine formale Entscheidung. Es hinterlässt jedoch oft Gewinner und Verlierer, wirtschaftlich wie persönlich. Mein Ansatz ist daher zunächst vermittelnd. Ich versuche zu klären, worum es den Beteiligten tatsächlich geht und ob es noch Raum für eine einvernehmliche Lösung gibt. In vielen Fällen ist das möglich, wenn man die Motive offenlegt.
Welche Rolle spielen Immobilien in diesen Konflikten?
Eine sehr große. Immobilien sind emotional aufgeladen und zugleich wirtschaftlich bedeutend. Anders als Geldvermögen lassen sie sich nicht einfach aufteilen. Hinzu kommt, dass viele Eltern ganz selbstverständlich davon ausgehen, ihre Kinder würden das Familienheim später selbst nutzen wollen. In der Praxis stimmt das häufig nicht. Die Lebensentwürfe der nächsten Generation sind andere, der Lebensmittelpunkt liegt oft in einer anderen Stadt, wenn nicht sogar Land. Das langfristige, fast lebenslange Planen mit Besitztümern an einem Ort steht heute im Wandel und in Konkurrenz zu Flexibilität und Mobilität „mit kleinem Gepäck“.
Fehlt eine klare Regelung, wird die Immobilie schnell zum zentralen Streitpunkt. Dabei ließe sich vieles vermeiden, wenn frühzeitig darüber gesprochen würde, ob ein Verkauf, eine Übertragung zu Lebzeiten oder eine andere Struktur sinnvoll ist.
Warum wird so selten rechtzeitig geregelt?
Aus fehlendem Mut, das Thema anzugehen. Die Erklärungen und Begründungen sind zahlreich und bunt, letztlich aber ist der Grund sehr menschlich: Das Thema Nachfolge geht einher mit dem eigenen Lebensende und dies ist kein schöner Gedanke. Also wird das Thema auf die lange Bank geschoben und auf später vertagt, schließlich habe man ja noch viel Zeit.. Maßstab dieser Zeitachse ist regelmäßig die statistische Lebenserwartung oder auch familiäre Vorbilder. Vergessen werden dabei aber die unplanmäßigen Ereignisse wie Unfälle. Wir alle sind mit dem Auto auf der Autobahn unterwegs und ein jeder von uns kennt Situationen, in denen es eng wurde, weil ein anderer Verkehrsteilnehmer einen Fehler gemacht hat, der fast zu einem Unfall geführt hätte. Ein Erbfall kann also jederzeit eintreten. Ohne Testament oder Vollmachten entsteht im Ernstfall zunächst Unsicherheit. Selbst der Zugriff auf Konten ist nicht automatisch gesichert.
Wer frühzeitig gestaltet, schafft Klarheit und reduziert das Konfliktpotenzial erheblich.
Was kostet es, wenn keine Einigung gelingt?
Erheblich mehr, als viele vermuten.
In streitigen Verfahren fließen schnell zehn bis fünfzehn Prozent des Nachlasswertes in Gerichts- und Anwalts- und Sachverständigenkosten. Bei größeren Immobilienvermögen summieren sich diese Beträge deutlich. Hinzu kommt der mit zunehmender Zeitdauer steigende Wertverlust der Immobilien selbst durch fehlende Handlungsmöglichkeiten und Unsicherheit.
Wie funktioniert eine Erbengemeinschaft praktisch?
Eine Erbengemeinschaft ist eine Zweckgemeinschaft auf Zeit, sie ist auf Auseinandersetzung angelegt, nicht auf Dauer.
Alle Miterben müssen grundlegenden Entscheidungen zustimmen, vom Verkauf bis zu Instandhaltungsmaßnahmen. Das setzt Kooperationsbereitschaft voraus. Fehlt sie, steigt der emotionale und der finanzielle Druck. Am Ende stehen meist drei Optionen: Verkauf, Übernahme durch einen Miterben gegen Ausgleichszahlung oder – bei Mehrfamilienhäusern oder größeren Immobilienvermögen – eine Aufteilung.
Je länger die Entscheidungsfindung dauert, desto größer wird das Risiko wirtschaftlicher Nachteile.
Warum ist das Thema gerade jetzt besonders relevant?
Weil eine Generation Vermögen übergibt, die in den Nachkriegsjahrzehnten erheblich Immobilienvermögen aufgebaut hat. Viele dieser Eigentümer sind heute über 80 Jahre alt. Eigenheime, Mietshäuser, Ferienimmobilien, alle Art von Immobilien wechseln in naher Zukunft ihren Besitzer.
Diese Vermögensübertragung ist keine abstrakte Größe, sondern eine reale Bewegung im Immobilienmarkt. Wo frühzeitig geplant wird, gelingt der Übergang strukturiert. Wo nicht, entstehen Konflikte, Verzögerungen und wirtschaftliche Reibungsverluste mit finanziellen Einbußen.
Was möchten Sie Eigentümern mitgeben?
Jede Nachfolge ist gestaltbar.
Ein Testament kann angepasst werden, wenn sich Lebensumstände ändern. Es gibt Instrumente wie lebzeitige Übertragungen, Wohnrechte oder Nießbrauch, die Sicherheit und Klarheit verbinden. Entscheidend ist, überhaupt zu beginnen.
Wer Vermögen aufgebaut hat, sollte auch dessen Übergang strukturieren. Das schützt nicht nur den wirtschaftlichen Wert, sondern oft auch den familiären Frieden.
