• 3 min. Lesezeit
  • 27.01.2026
  • von Benjamin Rogmans

Wie in Berlin die Wohnungsnot zum politischen Selbstzweck verkommen ist

Warum mehr Regulierung den Mangel verschärft und Berlin den Weg zurück zum Bauen finden muss.

Benjamin Rogmans in a gray suit sits at a wooden table, hands clasped, with a focused expression against a concrete wall background.
Foto von: König Photographie

Von allen Wahlen, die 2026 in deutschen Bundesländern anstehen, hat die zum Berliner Abgeordnetenhaus das Zeug dazu, die Gemüter rund um das Thema Wohnen besonders zu erhitzen. Wie so oft geht es um Mieten, um Schutz, um Gerechtigkeit. Und um das vertraute Versprechen, man wolle den kleinen Mann vor den Kräften des Marktes bewahren. Kaum ein Thema eignet sich so gut für Wahlkämpfe und Polarisierung wie die Mietenfrage.

Der Preis der politischen Schutzlogik

Keine deutsche Metropole hat sich so tief in die Rolle des sozialen Schutzraums eingeschrieben wie Berlin. Und kaum eine hat dafür einen so hohen Preis gezahlt. Denn wer Investoren vertreibt, verhindert den Bau. Wer den Bau verhindert, verknappt das Angebot. Und wer das Angebot verknappt, treibt am Ende genau das in die Höhe, was er deckeln wollte: die Mieten.

Das wissen die politisch Verantwortlichen. Es gibt keine Datenlücke, keine Unkenntnis über Ursache und Wirkung. Laut dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg wurden 2024 rund 30 Prozent weniger Baugenehmigungen erteilt als noch 2022, und damit gut 60 Prozent weniger als in den Jahren 2016 bis 2018. Im ersten Halbjahr 2025 liegt die Zahl der Fertigstellungen auf dem niedrigsten Niveau seit einem Jahrzehnt. Trotz des jüngst beschlossenen Bauturbos setzt die Politik an anderer Stelle unverändert auf Regulierung, Begrenzung, Warnungen und Polarisierung. Beschleunigung wird angekündigt, Verengung praktiziert. Die Frage nach fast zwei Jahrzehnten dieser Politik ist nicht mehr, ob sie versteht, was sie tut, sondern warum sie es tut.

Die Antwort liegt tiefer, in der politischen DNA der Stadt. Seit Jahrzehnten lebt die Berliner Linke, ob in Rot, Grün oder Dunkelrot, von der Pose des Beschützers - definiert über den Konflikt, nicht über seine Lösung. Eine entspannte Lage würde ihr stärkstes Argument entwerten: die Angst vor steigenden Mieten und Verdrängung. Wer den Wohnungsmarkt befriedet, nimmt der eigenen Erzählung den Treibstoff. In diesem Sinn ist die Wohnungspolitik durchaus rational, nur in einem anderen Zielsystem. Sie stabilisiert Deutungsmacht, nicht das Wohnraumangebot. Niklas Luhmann hätte das „Rationalität zweiter Ordnung“ genannt: Handeln, das nicht mehr auf die Realität, sondern auf die Erhaltung der eigenen Logik zielt.

So entsteht eine politische Ökonomie der Verweigerung, die die Interessen der Stadtbevölkerung missachtet, weil sie nicht die Mieterinnen und Mieter schützt, sondern das Narrativ des Mangels. Je größer der Engpass, desto stärker die moralische Legitimation. Und desto geringer die Bereitschaft, die eigene Logik zu korrigieren.

Knappheit lässt sich nicht regieren

Sie kann sich in Kapitalflucht rächen, in sozialer Spaltung, möglicherweise auch in der Entwertung einer Stadt, die längst das Potenzial zur modernen Metropole hat. Berlin könnte längst bauen. Schnell, nachhaltig, partnerschaftlich. Wenn der politische Wille vorhanden wäre. Ein Hindernis weniger gibt es inzwischen immerhin. Mit dem Bauturbo liegt zumindest ein Instrument vor, das Beschleunigung ermöglichen könnte. Ob es wirkt, entscheidet nicht der Beschluss, sondern die Verwaltungspraxis.

Die Antwort auf die Wohnungsnot liegt nicht im Diskurs, sondern in den ökonomischen Realitäten des Bauens. Rendite ist keine Bedrohung, sondern die Bedingung von Erneuerung. Kapital ist kein Gegner des Gemeinwohls, sondern dessen Werkzeug, wenn man es klug nutzt. Die Berliner Wahl im kommenden September ist deshalb keine Frage von links, rechts oder Mitte. Sie ist eine Frage von Realismus. Ob die Stadt weiter in einer symbolischen Ökonomie der Erregung verharren will oder in die Realität des Bauens und Investierens zurückfindet. „Arm, aber sexy“ war einmal eine ironische Selbstbeschreibung. Heute klingt es wie eine resignative Diagnose. Wer das ändern will, sollte anerkennen: Auf Mangel lässt sich keine Zukunft bauen.

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