- 2 min. Lesezeit
- 05.06.2026
- von Merle Wilkening
Perlen Poesie – ein Interview mit Marijke de Cock

Ausgabe
03/26
Ort
Antwerpen, Belgien
Fotografie
Rodriguez Debal
Filigrane Perlen, Glas, Messing und Eichenholz: Aus diesen Zutaten erschafft Marijke De Cock faszinierende Welten. Doch zieren diese Schmuckstücke der Künstlerin und Designerin aus Antwerpen nicht etwa den Hals oder das Handgelenk – sie erobern als schwungvolle Skulpturen den Raum. Geprägt von ihrer jahrelangen Arbeit im Team des Modedesigners Dries Van Noten und einer tiefen Faszination für intuitives Handwerk, kreiert De Cock Wandobjekte, die traditionelle Techniken und moderne Abstraktion gleichermaßen zele-brieren. Ihr kreativer Prozess beginnt mit vollkommener Hingabe, während sie die Hand frei über das Papier gleiten lässt. Aus diesen Zeichnungen entstehen Werke zwischen Kunst und Design, die im Raum zu tanzen und zu wandern scheinen. Wie in der Haute Couture wird jedem Stück in aufwendiger Handarbeit mit Tausenden Glasperlen Leben eingehaucht: eine Sticktechnik, die zu einer bewegten Landschaft aus Licht und Schatten verschmilzt. Es ist Schmuck für die Seele eines Hauses und eine Einladung, dem Rhythmus der Bewegung zu folgen.
Inhaltsverzeichnis
Flow erfordert Zeit
Das Thema unserer kommenden Ausgabe lautet „Flow“ – ein Zustand, in dem die Zeit oft stillzustehen scheint. Dennoch ist Ihre Technik der Glasperlenstickerei extrem zeitaufwendig. Wie viele Stunden fließen in Ihre bisher komplexeste Arbeit?
Es ist eine faszinierende Dualität. Ein Werk zu erschaffen, das ‚Flow‘ ausstrahlt – bei dem Linien mühelos durch einen Raum wandern –, erfordert eine meditative Disziplin, die im direkten Gegensatz zu unserer schnelllebigen Kultur steht.
In unserem Atelier wird Zeit nicht einfach in Stunden gemessen, sondern in den unzähligen Schichten der Hingabe, die nötig sind, um eine Vision zum Leben zu erwecken. Der ‚Flow‘, den der Betrachter erlebt, ist das Ergebnis einer anspruchsvollen, mehrphasigen Reise: von der ersten intuitiven Skizze und der Präzision der technischen Zeichnung über die rhythmische Handstickerei bis hin zu der essenziellen Phase, in der der Stoff ‚ruhen‘ muss, um seine natürliche Spannung zu finden. Der Prozess setzt sich fort mit mehrteiligen tragenden Strukturen und der finalen, feingliedrigen Stickerei. Wir zählen die Stunden nicht; wir sorgen dafür, dass sich die Stunden auszahlen. Es sind diese fokussierten Gesten – manche unsichtbar, alle essenziell –, die Zeit greifbar machen. Wir bieten den Luxus eines Prozesses, der genau so lange dauert, wie er braucht, um Perfektion zu erreichen.

Die Poesie der Materialien
In Ihrer Praxis beschreiben Sie die Hand als etwas, das „über das Denken hinausgeht“. Ist dieser intuitive Prozess für Sie die reinste Form der Freiheit?
Absolut. Für mich ist die ‚sich von selbst bewegende Hand‘ der einzige Weg, das rationale Denken auszuschalten. In dieser ersten Phase gibt es keinen Plan – nur die reine Bewegung des Stifts. Es ist die Freiheit, zu erschaffen, ohne sich erklären zu müssen. Das Paradoxe ist jedoch, dass diese absolute Freiheit nur durch technische Meisterschaft bewahrt werden kann. Um ein flüchtiges, intuitives ‚Gekritzel‘ in ein monumentales Objekt zu übersetzen, muss ich diese Linie in eine hochpräzise technische Zeichnung umwandeln. Hier kommt meine 25-jährige Erfahrung im Kreativteam von Dries Van Noten ins Spiel. Diese Jahrzehnte haben mich gelehrt, eine abstrakte Idee technisch zu sezieren, ohne ihre Seele zu verlieren. Die Freiheit liegt im Funken; die Expertise sorgt dafür, dass der Funke den Übergang in eine feste, physische Realität überlebt.
Ihre neuen Wandskulpturen werden als Linien beschrieben, die „wandern“ und „tanzen“. Wie gelingt es Ihnen, die flüchtige Leichtigkeit einer handgezeichneten Skizze in die schwere Materialität von Eiche, Messing und Glas zu übersetzen?
Genau darin liegen die größte Herausforderung und die Magie. Es ist ein Prozess des ständigen Dialogs. Auf der einen Seite steht das technische Geschick, eine intuitive Linie zu ‚lesen‘ und zu dekonstruieren. Auf der anderen Seite steht die enge Zusammenarbeit mit meinem Partner, dem Architekten Rodriguez Debal. Wir verbinden sein architektonisches Verständnis mit meinem Fokus auf die Finesse des Ornaments. Er übersetzt meine Zeichnungen in Volumen – sägt, fräst, arbeitet sie plastisch aus Eiche heraus –, sodass sich das ‚Gekritzel‘ buchstäblich von der Wand löst. Wir hüten die Spontaneität obsessiv; die Perlen ‚überwuchern‘ manchmal das Holz oder werden direkt hinein gehämmert. Wir fangen das Licht ein, indem wir mit der Transparenz von Glas und der Reflexion von Metallen spielen. Es ist das Licht, das das Gewicht des Materials aufhebt und es einem physisch schweren Objekt erlaubt, zu atmen und zu tanzen – genau wie die ursprüngliche Linie auf dem Papier.

In großen Mengen ähneln Glasperlen oft Wasser – sie reflektieren das Licht, schimmern und erzeugen eine fast fluide Ästhetik. Welche Rolle spielt das Element Licht, um Ihren statischen Kunstwerken Vitalität einzuhauchen?
Der Vergleich mit Wasser ist sehr treffend. Ich sehe die Glasperle als ein physisches ‚Lichtpixel‘. Ein statisches Objekt wird erst durch die Interaktion mit seiner Umgebung zu einem lebendigen Kunstwerk. Da jede der tausenden Perlen in einem leicht unterschiedlichen Winkel gesetzt ist, reagiert die Oberfläche ständig auf die Bewegung im Raum. Wenn die Sonne durch einen Raum wandert, beginnt die Skulptur optisch zu vibrieren. In meinen neuesten Arbeiten mit mundgeblasenen Perlen trifft das Licht nicht nur auf die Oberfläche; es wird durch den Kern des Objekts geleitet. Licht ist der Herzschlag des Werks; es verbindet das Stück mit dem gegenwärtigen Moment – einem Moment, der, genau wie das Licht selbst, niemals vollständig festgehalten werden kann.
Wenn Sie Ihr großformatiges „räumliches Juwelierhandwerk“ betrachten – welchen spezifischen Ort oder Moment absoluter Freiheit verbinden Sie mit dieser neuen Serie?
Ich verbinde es mit dem Zustand absoluter Reinheit, den ich im Atelier finde – ein rarer Raum, in dem es kein ‚Muss‘, keine Funktion und kein Urteil gibt. Konkret ist es der Moment, in dem eine Zeichnung keine flache Ebene mehr ist, sondern zu einem Volumen wird, das seinen Raum beansprucht und den Betrachter umarmt. Das ist für mich die ultimative Befreiung. Es zelebriert auch die Synergie: die Freiheit, die entsteht, wenn zwei Menschen die Sprache des anderen so tief verstehen, dass die Technik hinter der Vision in den Hintergrund tritt. Meine Arbeit ist erfolgreich, wenn der Betrachter dieselbe Stille spürt; einen Moment, in dem er sich im Schimmern einer Perle verlieren und einfach sein kann.
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Die Perle neu gedacht
Für Ihre neuen Arbeiten haben Sie mit einem Glasbläser zusammengearbeitet, um die Dimensionen der Perlen massiv zu vergrößern. Wie verändert diese neue Dimension das haptische Erlebnis und die visuelle Aura des Objekts im Vergleich zu traditionellem Schmuck?
Der Dimensionswechsel verlagert das Erlebnis vom ‚Intimen‘ zum ‚Immersiven‘. Traditioneller Schmuck wird auf der Haut gespürt; diese neuen Dimensionen erzeugen eine architektonische Aura. Das Erlebnis wird viel physischer: Man spürt die Kühle der großen Glasflächen und die Kraft der Konstruktion. Die Transparenz dieser großen Perlen legt zudem den Nerv des Werks ehrlich offen – die darunter liegende Linie wird nun sichtbar. Es hebt die Perle aus dem Bereich der Dekoration und rückt sie in den Bereich der Skulptur. Das Ornament braucht keinen Körper mehr, um zu glänzen; das Ornament ist selbst zum Körper geworden.
Ihre Werke bestechen durch eine organische Bildsprache, die Assoziationen von Korallenriffen bis hin zu tanzenden Linien weckt. Wo finden Sie, abgesehen von der Modewelt, Ihre stärkste visuelle Inspiration?
Meine stärkste Quelle ist die Abstraktion des Unterbewusstseins. Ich bin fasziniert von den ‚automatischen‘ Zeichnungen der Surrealisten und der Grenze zwischen Kontrolle und Loslassen. In meinem Atelier umgebe ich mich mit Materialien, die einen eigenen Willen zu haben scheinen. Ich suche nicht danach, die Natur zu kopieren, sondern ihren Rhythmus zu adoptieren. Ich suche nach diesem ‚unbenennbaren‘ Raum zwischen dem Erkennbaren und dem Jenseits. Das ist es, was mich am meisten antreibt.
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