• 4 min. Lesezeit
  • 04.09.2026
  • von Merle Wilkening

Castello di Reschio: Die Kunst der Hingabe

Die goldenen Hügel der Toskana im Morgengrauen, eine Burg auf einem Hügel mit Zypressen, nebelverhangene Täler und leuchtend bunte Herbstbäume im Vordergrund.
Foto von: Reschio
  • Ausgabe

    04/26

  • Ort

    Umbrien, Italien

  • Fotografie

    Reschio

Wo Umbrien an die Toskana grenzt, liegt ein magischer Rückzugsort: das Castello di Reschio, ein lebendiges Gesamtkunstwerk. Angetrieben von der unbändigen Leidenschaft der Familie Bolza, erwachte hier eine verfallene Welt zu neuem Leben — getragen von ihrer tiefen Hingabe zu Architektur, Design und Natur.

Inhaltsverzeichnis

  1. Wo die Zeit stillzustehen scheint

  2. Zwischen Patina und Poesie

  3. Aus Liebe wird Lebenswerk

Wo die Zeit stillzustehen scheint

Nichts als Ruhe. Vor mir liegt der Ausblick in die grüne Weite, auf sanfte Hügel und vereinzelte Häuschen in der Ferne. Bei jedem Schritt knirscht der Kieselweg unter meinen Sandalen. Nur ein zwitschernder Vogel und das Rauschen des Windes in den Pinien unterbrechen die Stille. Unwillkürlich stellt sich vollkommene Gelassenheit ein, das Gefühl, angekommen zu sein, obwohl ich erst vor wenigen Minuten auf dem Anwesen des Hotels Reschio eingetroffen bin. Hinter mir liegen rund zwei Stunden Fahrt von Florenz aus, vorbei am Lago Trasimeno. Die geschichtsträchtige Grenze zwischen Umbrien und der Toskana ist hier stets in Sichtweite. Einst war dieser Landstrich ein umkämpftes Gebiet, bis Reschio unter den Schutz des Kaisers gestellt wurde – wie eine autarke Insel des Friedens. Bis heute ist es eine geschützte, eigene Welt geblieben.

Ich werde im Palm Court, dem architektonischen Herzstück des Castellos, herzlich begrüßt. Der grüne Metall-Glas-Bau verströmt den Geist der Belle Époque und erinnert mich an historische Gewächshäuser mit Palmen, Korbsesseln und samtenen Sofas. Der Steinway-Flügel, so erzählt Concierge Sebastiano, sei älter als die Titanic. Fast erwarte ich, einen schweren, rustikalen Schlüssel in die Hand gedrückt zu bekommen – das würde zu den alten Steinmauern der Burg passen. Doch es ist eine hölzerne Zimmerkarte, bedruckt mit einem antiken Porträt. Von nun an begegnen mir diese Porträts überall an den Wänden. Sie sind eine der vielen Sammelleidenschaften von Graf Benedikt Bolza und seiner Frau Nencia, die unzählige Gemälde auf Antik- und Flohmärkten zusammengetragen haben, um den Räumen eine Seele zu schenken.

Ein üppiger tropischer Innengarten mit Sitzbereich, ausgestattet mit grünen Sofas, Korbstühlen, Palmen in Töpfen und warmen orangefarbenen Pendelleuchten, die an grünen Säulen hängen.
Ein sonnenbeschienener, gewölbter Steineingang in einer historischen Mauer, flankiert von Laternen und großen Tontöpfen mit blühenden Pflanzen.
Eine Person führt ein weißes Pferd auf einem grasbewachsenen Pfad durch einen sonnenbeschienenen Olivenhain an einem Hang, im Hintergrund sind Täler und Berge zu sehen.

Zwischen Patina und Poesie

In meinem großzügigen Zimmer im Nebengebäude, hinter der ehemaligen Kirche San Michele, verfliegt jedes klassische Hotelgefühl. Anstelle des üblichen, austauschbaren Designs empfängt mich eine Suite voller Persönlichkeit. Warme Farben und dunkles Holz dominieren das Interieur. Es fühlt sich an, als wäre ich privater Gast bei einem exzellenten Sammler. Die Räume gehen fließend ineinander über, sodass ich sie wie auf einem kleinen Rundgang erkunden kann. Auf der Anrichte wartet ein fantastischer Schokoladenkuchen. Fein mit Puderzucker bestäubt, trägt er – wie die Kissen auf dem Bett – die Initialen CdR. Man könnte vermuten, das stünde für Castello di Reschio. Tatsächlich handelt es sich jedoch um die Initialen des ersten Grafen von Reschio.Jedes Detail scheint von nostalgischem Charme geprägt zu sein. Findet Graf Bolza kein Objekt, das in seine Vision passt, so entwirft er es selbst – so entstand die Linie B.B. for Reschio. Dazu gehören das Bettgestell aus Metall ebenso wie die verchromte Kaffeemaschine, die mit ihrer glänzenden Optik glatt einen Designpreis gewinnen könnte. Die Fenster öffnen sich zu zwei Welten: Im Osten kriecht die Morgensonne durch den Nebel der umbrischen Hügel, im Westen versinkt sie abends in goldenem Licht an der Grenze zur Toskana.

Am Nachmittag führt mich eine Tour tiefer in die Geheimnisse und die Weite des 1.500 Hektar großen Landguts, das sich über unberührte Hügel, wilde Wälder und sieben künstliche Seen erstreckt. Die Ursprünge der Festung reichen bis ins Jahr 1050 zurück. Als die Familie Bolza das verwilderte Areal Mitte der 1980er-Jahre kaufte, waren fast alle der fünfzig historischen Bauernhäuser Ruinen – kein einziges trug ein Dach. Über Jahrzehnte wurden die Gebäude von der Familie liebevoll renoviert und größtenteils an private Eigentümer verkauft. All dies geschieht unter der sorgfältigen Leitung von Graf Benedikt Bolza, der als Architekt und Visionär dafür sorgt, dass der Geist der Vergangenheit in jedem Winkel lebendig bleibt.

Aus Liebe wird Lebenswerk

Erst 2021 eröffnete das Castello nach Jahren akribischer Arbeit als individuell gestaltetes Hotel mit 36 Suiten. Auf meinem Streifzug durch versteckte Winkel und schmale Gänge wird spürbar, dass jeder Stein eine zutiefst persönliche Familiengeschichte atmet. Es ist ein Ort, der Schicksal spielte: In den 90er-Jahren kam Donna Nencia als Restauratorin für einen Auftrag zum Reschio, um historische Fresken zu überarbeiten. Sie begegnete Benedikt Bolza, sie verliebten sich und Nencia blieb. Heute bereichert sie das Anwesen mit ihrer Kreativität und Liebe zur Natur. Die Angestellten erzählen, sie kenne jede Pflanze auf dem Anwesen ... die riesigen Rosmarinbüsche, Feigen- und Zitronenbäume.

Wie tief dieser Gestaltungsgeist verwurzelt ist, erlebe ich am nächsten Morgen in der Tabaccaia. Graf Bolza hat die Tabakfabrik aus den 40er-Jahren in ein Designstudio aus Ziegeln, Beton und Glas mit industrieller Anmutung verwandelt. Zwischen den Schreibtischen türmen sich Antiquitäten, Skulpturen und goldene Spiegel. Bolza ist ein Perfektionist, der nichts dem Zufall überlässt. Für ihn ist der Umbau eines jeden Hauses ein zutiefst emotionaler Akt: „Es ist, als würde ein Kind geboren“, erzählt er mit leuchtenden Augen. Beim Gespräch sitzen auch zwei seiner Töchter mit am Tisch, die die familiäre Kreativität mit Reschio Collections fortsetzen. Sie vertreiben Objekte, die mit den Traditionen des Landes verbunden sind und von lokalen Handwerkern gefertigt werden — von Olivenöl und Ledertäschchen bis hin zu Signature-Lampen.

Sieben Menschen in Retro-Kleidung posieren gemeinsam in einem rustikalen Torbogen, umgeben von Körben und Grünpflanzen.
Ein elegantes Badezimmer im Vintage-Stil mit einem Doppelwaschtisch aus Marmor, zwei ovalen Spiegeln, Messingarmaturen, einer Vase mit Blumen und einem grün gepolsterten Stuhl; darunter hängen weiße Handtücher.
Rustikales Schlafzimmer im Dachgeschoss mit einem Himmelbett, einem grauen Sofa, einem runden Couchtisch aus Marmor, einer Büste und Vintage-Kunstwerken.

Später spaziere ich hinunter zum Ristorante alle Scuderie, vorbei am Teatro Equestre, dem Herzstück der legendären Pferdezucht von Großvater Graf Antonio Bolza. In der Reithalle erleben Gäste das Training von Meister Antonello Radicchi und seiner Frau Francesca. Seine sanfte Methode kommt völlig ohne Geschirr aus. Die Andalusier, deren Fell erst im Laufe der Jahre schneeweiß wird, bewegen sich in perfekter Harmonie. Wettkämpfe bestreiten die Pferde nicht, denn der dort herrschende Zwang widerspricht der freien Philosophie des Hauses. Im Restaurant nahe den Ställen genieße ich anschließend eine exzellente Pasta Cacio e Pepe und eine Kugel Pistazieneis.

Bevor der Tag vergeht, suche ich das Badehaus auf. Das Spa befindet sich in den ehemaligen Weinkellern direkt unter den mächtigen Steinmauern des Castellos. Dank des ausgeklügelten Buchungssystems treffe ich hier kaum andere Gäste. Während ich die Stufen hinabsteige, verliere ich jedes Zeitgefühl. Die dicken Mauern schirmen das Tageslicht ab, am Beckenrand des römischen Bades flackern Kerzen. Ich schwimme durch einen schmalen Gang hinein in das Fundament des großen Turms, wo aus mehreren Metern Höhe ein Wasserfall herabregnet. Nach der Sauna zieht es mich in den monumentalen Kaminraum. Bei der Massage entgleite ich in eine vollkommene Zeitlosigkeit.

Als mich der Fahrer einige Tage später wieder nach Florenz zurückbringt, blicke ich ein letztes Mal auf die Zypressen, die, wie gemalt, in den Himmel ragen. Was ich von meiner Reise mitnehme, ist die Erkenntnis, welches Potenzial in der bedingungslosen Hingabe einer Familie an einen Ort steckt. Reschio ist ein lebendiges Vermächtnis, zu dem ich nur zu gern zurückkehren möchte.

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