- 6 min. Lesezeit
- 05.06.2026
- von Silke Bender
Philippine Leroy-Beaulieu: „Genossen hätte ich diesen Moment gern schon früher.“

Ausgabe
03/26
Ort
Paris, Frankreich
Fotografie
Pomellato, Netflix
Dank der Netflix-Serie "Emily in Paris" ist die Schauspielerin Philippine Leroy-Beaulieu heute auf dem Gipfel ihres Erfolgs. Die globale Markenbotschafterin von Pomellato über das Glück einer späten Karriere und Schmuck als Emanzipationssymbol.
Die Kunst der Neuerfindung
Ob bei der Aftershow-Party der Oscars, wo sie dieses Jahr in Balenciaga-Robe und dem spektakulären High-Jewelry-Collier "Blue Chain Cascade" von Pomellato auftrat, oder als Stargast in der Front Row bei den großen Modenschauen in Paris oder Mailand – wo immer sich Philippine Leroy-Beaulieu zeigt, steht sie im Mittelpunkt des Blitzlichtgewitters. Noch blendender ist nur ihr Lächeln. Sie scheint sich in der Aufmerksamkeit geradezu zu sonnen. Mit ihrer Rolle als PR-Chefin Sylvie Grateau in der Erfolgsserie "Emily in Paris" ist sie zur Kultfigur einer reiferen Frau geworden. Was als Karikatur einer kühlen, blasierten, sehr französischen Geschäftsfrau in der Luxuswelt begann, machte sie mit jeder neuen Staffel zu einer immer facettenreicheren Sympathieträgerin voller Humor, Stärke und häppchenweise mehr Herzlichkeit.
Heute, mit 63 Jahren, dem offiziellen Rentenalter in Frankreich, dreht Philippine den Spieß um und legt erst richtig los. Nicht nur für das italienische Schmuckhaus Pomellato reist sie als Markenbotschafterin um die Welt, auch für den Kosmetik-Weltmarktführer L’Oréal Paris. Gerade hat in der französischen Hauptstadt und Griechenland der Dreh der sechsten Staffel von "Emily in Paris" begonnen, die Ende 2026/Anfang 2027 ausgestrahlt werden soll. Gleich danach schlägt die Schauspielerin ein neues Kapitel ihrer Karriere auf: als Filmproduzentin. Im Herbst sind in Marokko die Dreharbeiten für einen Action-Thriller geplant, in dem sie auch eine der Hauptrollen spielt. Mit der Gründung ihrer Firma Mariri Productions möchte Philippine Leroy-Beaulieu Filmprojekte mit starken und reiferen Protagonistinnen entwickeln, die im Kino und erst recht im Action-Genre bisher Ausnahmeerscheinungen sind.

Der späte Durchbruch
Als Tochter eines in Italien sehr bekannten Schauspielers und einer Designerin, wuchs Leroy-Beaulieu zunächst in Rom auf und besuchte später eine Theaterschule in Paris. Ihr erster, großer Kinoerfolg war 1985 die Komödie "Drei Männer und ein Baby", für die sie als beste Nebendarstellerin für den französischen Filmpreis César nominiert wurde. Zwar spielte sie danach immer wieder auch in Filmen bekannter Regisseure, doch der Durchbruch wollte sich einfach nicht einstellen. Die große Rolle ihres Lebens bekam sie erst mit 57: Darren Star, der Macher von "Emily in Paris", schrieb das Drehbuch nach dem Casting sogar für sie um. Eigentlich hätte Sylvie Grateau nämlich viel jünger sein sollen.
Nun geht die erfolgreiche Netflix-Serie, die Paris einen Touristenboom sondergleichen bescherte, ins sechste Jahr. Nach dem Ende der vierten Staffel sah alles danach aus, als würde es mit "Emily in Rom" weitergehen, doch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron setzte sich persönlich dafür ein, dass die Serie in Paris bleibt.
Es war nicht einfach, sein Selbstbild ständig mit dem auf einem Foto, in einer Filmszene oder im Spiegel abzugleichen.
Rom war gewissermaßen ein Heimspiel für Sie. Konnten Sie eigentlich Ihre persönlichen Erfahrungen vom Leben in der Stadt ins Drehbuch einfließen lassen?
Was lustig war: Darren Star ließ mich bereits in Staffel 2 kurz Italienisch sprechen, weil er wusste, dass ich die Sprache beherrsche. Er ließ Sylvie Grateau sagen, dass man in jeder Sprache eine andere Persönlichkeit hat. Eine kluge Beobachtung, übrigens. Das war bereits eine Andeutung, die er natürlich auf meine neugierige Nachfrage, ob er plant, mit der Serie nach Italien zu gehen, erstmal mit einem lachenden aber "non, non, non" verneinte. Ich glaube im Nachhinein, es war eine Art Samen, den er ausgesät hat. Rom mag mit mir zu tun gehabt haben, aber ich nichts mit dem Verlauf des Drehbuches. Darren Star bleibt der kreative Kapitän an Bord.

Schmuck als Statement
Als italophile Französin werben Sie seit letztem Jahr für das Mailänder Schmuckhaus Pomellato, das 1967 zu Beginn der italienischen Emanzipations- und Studentenbewegung gegründet wurde. Was bedeutet die Marke für Sie?
Ich habe die Marke erst später, in den 1970ern, an meiner Mutter bewusst wahrgenommen. Sie liebte Schmuck, der modern, ungewöhnlich und kraftvoll war. Pomellato hatte mit seinem Design eine Disruptivität in die Schmuckwelt gebracht, die ihr gefiel. Die ersten "Iconica-Ringe" habe ich an ihr gesehen. Sie hatte sehr große Hände, und ich fand diese voluminösen Goldringe an einer starken Frauenhand immer sehr beeindruckend. Nach der Trennung von unserem Vater arbeitete meine Mutter übrigens über 20 Jahre lang als Designerin, unter anderem im Juwelieratelier von Dior in Paris.
Über Ihren schlichten und unkomplizierten Modegeschmack haben Sie bereits oft gesprochen – wie sieht Ihr privater Schmuckstil aus?
Eine große Schmuckkäuferin war ich nie (lacht). Ich bekam ihn geschenkt, vor allem von meiner Mutter – sie arbeitete ja im Milieu – und von meiner Großmutter. Ringe trage ich eigentlich immer, ohne mindestens einen "Iconica" gehe ich heute nicht aus dem Haus. Sie passen einfach zu allem. Ohrringe mag ich zu besonderen Gelegenheiten, weil sie schöne Lichtspiele ins Gesicht zaubern.
Heute, mit 63 Jahren, stehen Sie auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere. Genießt man den Erfolg anders als mit Mitte 20?
Mit 63 hat man mehr Demut. Er steigt einem nicht so leicht zu Kopf. Man ist sich klarer darüber, dass sich alles wieder ganz schnell ändern kann und dass nichts ewig ist. Umso mehr genieße ich jetzt das Glück des Augenblicks. Doch ganz ehrlich, genossen hätte ich diesen Augenblick gern schon früher (lacht).
Ein künstlerischer Beruf ist immer eine Achterbahnfahrt, und das ist auch gut so, damit man nicht einschläft.

Dem Herzen folgen
Sie sprechen sehr offen über die schwierigen Phasen Ihres Berufslebens. Finanziell und in Bezug auf die Anerkennung. Wie haben Sie über Jahrzehnte die Zuversicht bewahrt?
Habe ich gar nicht! Es gab durchaus Momente, in denen ich weinend im Bett lag. Aber weil ich jemand bin, der in der Gegenwart lebt, habe ich die Verzweiflungsstürme akzeptiert – so traurig, hart und schwierig der Kampf auch war –, in der Gewissheit, dass auch das irgendwann einmal vorübergeht. Man muss nur durchhalten! Ich sage meiner Tochter immer: All diese Stürme sind nicht dazu da, um uns zu brechen, sondern um uns wachsen zu lassen. Ein künstlerischer Beruf ist immer eine Achterbahnfahrt, und das ist auch gut so, damit man nicht einschläft. Heute bin ich für all diese Prüfungen dankbar, denn sie haben mich geprägt, mir die Augen geöffnet und mich letztendlich zu einem liebevolleren und dankbareren Menschen gemacht. Ich sage daher gerne: Ich hatte das Glück, sehr lange hungrig zu sein.
Und wie haben Sie die Hungerperioden praktisch überlebt?
Indem ich unter Pseudonym als Übersetzerin gearbeitet habe, ich spreche ja fünf Sprachen fließend. Und indem ich auch Rollen angenommen habe, auf die ich nicht wirklich Lust hatte und auf die ich nicht stolz bin. Ich habe gelernt, mit wenig Geld auszukommen und miete übrigens noch immer dieselbe Wohnung wie vor "Emily in Paris".
1990, fünf Jahre nach Ihrem ersten großen Kinoerfolg, sind Sie als junge, alleinerziehende Mutter mit Ihrer Säuglingstochter auf dem Rücken eine längere Zeit nach Brasilien ausgewandert. Warum?
Weil ich das starke Bedürfnis hatte, Paris zu verlassen, und mich auch von meinem Beruf zu distanzieren. Viele Leute haben mir damals dringend davon abgeraten, weil man zu schnell in Vergessenheit gerät – und sie hatten auch recht! Doch meine persönliche Freiheit war mir immer sehr wichtig. Totale Freiheit ist natürlich eine Illusion, aber ich versuche immer, innerhalb dessen, was möglich ist, Entscheidungen zu treffen, die es mir erlauben, meinem Herzen zu folgen. In dem Moment hatte ich nach einem Dreh ein bisschen Geld auf der Seite, und ich dachte: jetzt oder nie! Das Geld reichte für sechs Monate dort. Als es ausgegeben war, kam ich wieder nach Paris zurück. Doch Brasilien ließ mich nicht los und blieb lange ein Fixpunkt in meinem Leben – und meine längst erwachsene Tochter dankt mir noch heute für die Eindrücke, die sie als Kind dort mit mir erlebte. Ich bereue keinen Tag dort.

Die vielen Gesichter der Sylvie
Inwiefern ähnelt Ihnen die Figur Sylvie in "Emily in Paris"?
Sie ähnelt mir überhaupt nicht, auch wenn ich ihr ein paar kleine Züge meiner Persönlichkeit gegeben habe, aber nur sehr wenige. In Wirklichkeit erinnert sie mich viel mehr an die Frauen, die ich durch meine Mutter kennengelernt habe, als sie bei Dior arbeitete. Diese starken und kompromisslosen Frauen der 80er- und 90er-Jahre, die hinter ihrer Blasiertheit eine tiefe Unsicherheit verbargen. Die Modewelt war schließlich einer der ersten Bereiche, in denen die Frauen anfingen, sich einen wichtigeren Platz in der Berufswelt zu erkämpfen. Mich hat das Milieu als Teenager eher abgeschreckt, auch wenn der Geschmack meiner Mutter und ihr Sinn für Schönheit mich mehr geprägt haben, als ich vielleicht wollte. Als ich beim Casting dann für die Rolle der Sylvie vorsprechen sollte, dachte ich sofort: Komisch, ich kenne diese Frau irgendwie. Und ich wollte ihr eine gewisse, Bette-Davis-artige Bosheit verleihen. Denn wir Frauen sind schließlich nicht nur Engel, sondern auch Teufel.
Mögen Sie Ihre Sylvie heute?
Ich liebe Sie! Und das Beste: Drehbuchschreiber Darren Star liebt sie auch. Sie ist jemand, der mit einem dicken Panzer ankommt, dann mit jeder Staffel wie eine Zwiebel Schicht um Schicht geschält wird und immer eine neue, überraschende Ebene zeigt. Ich halte Darren für einen großen Frauenversteher, der mit Respekt und Witz die aktuell komplexesten Frauenfilmfiguren überhaupt erschafft. Wie auch seine Samantha in "Sex and the City". Oder "Melrose Place", diese Serie aus den 90ern, die ich mir kürzlich erst angeschaut habe. Wahnsinn, wie er aus einer Seifenoper mit banalen Figuren in einem Haus mit Swimmingpool am Ende einen Monster-Showdown macht! Erst nimmt er sein Publikum mit, um Vanilleeis zu essen – und dann stößt er es in einen Gully der Abartigkeiten. Ich bin total gespalten, welches Ende ich Sylvie am Ende dieser Serie – und das wird kommen, obwohl die sechste Staffel noch sicher ist – wünschen würde. Als Schauspielerin ist es natürlich interessanter, je gemeiner und tiefer eine Figur fällt. Als Freundin aber wünsche ich ihr nur das Beste.
Wie erklären Sie sich den Erfolg von Sylvie, die neben der Protagonistin Emily zu einer der beliebtesten Rollen in der Serie geworden ist?
Das hat mich selbst überrascht. Erst in der zweiten Staffel wurde mir bewusst, wie gut die Figur besonders bei der jungen Generation ankommt. Vielleicht liegt es an ihrer Komplexität. Daran, dass sie nie ganz das ist, was man auf den ersten Blick in ihr sieht. Und vielleicht weckt genau das eine Art Neugier – dieses Gefühl, dass man sie mögen möchte, weil man spürt, dass da noch etwas Tieferes ist, das sich erst nach und nach zeigt. Sagen wir, es bleibt mir ein Rätsel, das ich einfach so stehen lassen möchte.

Schönheit neu definiert
Die heftigsten Kritiker von "Emily in Paris" sind die Pariser selbst. Warum?
Weil sie durch und durch Snobs sind! (Lacht). Am Anfang dachte ich noch, es liegt daran, dass sie den Witz nicht verstanden haben. Aber inzwischen ist klar, ganz eindeutig: Sie haben wirklich keinen Sinn für Humor. Sie sind so fixiert auf ihr eigenes Image und so beleidigt, durch den Kakao gezogen zu werden, dass sie gar nicht merken, wie sich "Emily in Paris" genauso über Amerikaner lustig macht. Sie sehen nur die aufpolierte Oberfläche, die schrägen Kostüme, das Leichte und Verspielte, und sie denken: was für ein Kitsch. In der angelsächsischen Kultur ist es fast immer der Subtext, der spricht, und eine Meta-Ebene erzeugt, der die Franzosen oft einfach nicht folgen können. Nicht alle, Gott sei Dank, ich kenne viele auch kluge Pariser, die die Serie mögen.
Sie stehen im Rampenlicht, in einem Alter, an dem sich die meisten Frauen davor zurückziehen, um nicht ständig ans Älterwerden erinnert zu werden …
Es war nicht einfach, sein Selbstbild ständig mit dem auf einem Foto, einer Filmszene oder im Spiegel abzugleichen. Niemand ist gern weniger schön oder alt. Mittlerweile bekomme ich immer mehr Distanz: So bin ich eben. Punkt. Im Gegenteil, es ist sogar befreiend, mir beim Älterwerden zuzusehen. Ich finde es toll, zeigen zu können, dass Schönheit nicht nur ein faltenfreies Gesicht und Körper bedeuten, sondern die Botschaft, die ich als Frau in die Welt trage. Ist es zu vermessen, darin das nahende Ende dieser Instagram-Schönheits-Gleichmacherei zu sehen? Vielleicht. Ich pflege mich so gut es geht, und meine Gene erlauben es mir, wenigstens schlank zu bleiben, auch wenn anderes an meinem Körper mehr oder weniger gut altert. Es zwingt mich täglich zu einer echten Auseinandersetzung. Und das ist etwas sehr Wertvolles.
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