
- 3 min.
- 05.01.2026

Ausgabe
01/26
Ort
Südpol, Antarktis
Fotografie
Hapag-Lloyd Cruises / Fabio Kohler
Ewiges Eis, Wale, Robben, Pinguine und — mit etwas Glück sogar Orcas. Drei Wochen an Bord des Expeditionsschiffs Hanseatic Nature von Ushuaia bis zum Südpolarkreis und zurück sind ein unvergessliches Abenteuer. GG durfte diese Bucketlist-Reise exklusiv begleiten.
Seit wir in Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt, an Bord gegangen sind, liegen 890 Kilometer hinter uns. Das Thermometer zeigt acht Grad, die See ist siebenhundert Meter tief und schwarz. Darüber toben graue Wolken und Wind. Der Kapitän verkündet nüchtern durch die Lautsprecher: „Zu viel Sturm für die Falklandinseln! Wir fahren direkt nach Südgeorgien.“ Wetter und Eislage bestimmen die Route unserer Reise. Die tierartenreiche und entlegene Insel im Südatlantik wird somit unser erstes Ziel sein. Die 138 Meter lange „Hanseatic Nature“ bietet Platz für 168 Gäste und 160 Crewmitglieder. Dieses Expeditionsschiff von Hapag-Lloyd hat mit PC6 die höchste Eisklasse für Passagierschiffe und kann bis zu neunzig Zentimeter dickes Eis durchfahren. Am ersten Abend sitze ich mit anderen Gästen beim Dinner. Die Sonne scheint durch die Panoramafenster. Noch ist nichts davon zu spüren, dass die Wellen bald auf viereinhalb Meter anwachsen sollen.
In der Nacht schlafe ich kaum. Das Schiff ächzt, der Wellengang ist deutlich stärker geworden. Am Morgen taumle ich an Deck. Der Boden ist rutschig durch die salzige Gischt, die Windfinder-App zeigt Böen bis zu 48 Knoten an. Bei stahlgrauem Himmel liegen unter mir nun 7.000 Meter Wassertiefe, sechs Grad kaltes Meer. Ich flüchte ins Gym, wo die Musik gegen die Brandung hämmert. Am Abend sind die drei Bordrestaurants (Lido, Hanseatic und The Hamptons) deutlich leerer. Viele Gäste leiden unter Seekrankheit. Der Bordarzt gibt Spritzen gegen Übelkeit, während draußen die Wellen toben.



Am dritten Tag beruhigt sich das Wetter. Wem immer noch schlecht ist, der kann sich die täglichen Berichte über die nächsten Anlandungen auch auf dem Bildschirm in der Kabine anschauen. Auf Deck 8 atme ich frische Luft. Im Observatorium gibt es Tee und Bircher-Müsli. Ich treffe unseren Kapitän, Alexander Rabe-Bär, mit 39 einer der jüngsten der Flotte: „Ich bin als Kind viel gesegelt. Mein Stiefvater war Schiffsarzt bei Hapag. Als Teenager habe ich die ganze Welt bereist, später Nautik studiert und dann sechs Jahre lang als Offizier auf der ‚Europa‘ gearbeitet.“ Diese Antarktis-Reise ist schon seine dritte in diesem Jahr.
Als ich in meine Kabine will, dröhnt seine Stimme aus den Lautsprechern: „Wale an Backbord!“ Ich laufe hinaus und sehe Fontänen. Buckel-, Finn- und Seiwale, hunderte Tiere, die um das Schiff ihre Kreise ziehen. Ein seltenes Schauspiel, erklärt uns der Kapitän später. Selbst die erfahrensten Seemänner an Bord haben eine so dichte Vielfalt von Walarten in der Art noch nie erlebt. Später werden wir vor unsere Kabinentüren gebeten und stoßen auf den Gängen mit einem Glas Champagner auf das einzigartige Erlebnis an.
Am Morgen kämpft sich die Sonne durch die Wolken, ein Regenbogen spannt sich über das Meer. Vor mir taucht Südgeorgien auf: grün, schroff, umrahmt von den ersten Eisbergen. Der Naturfilmer Sir David Attenborough klingt mir im Ohr: Millionen Seevögel, 400.000 Königspinguine, rund fünf Millionen Pelzrobben. Wir werden angehalten, unsere Schuhe und Kleidung peinlich genau zu desinfizieren; jede Spur von Samen und Erde muss entfernt werden. Mit großem Aufwand haben Naturschützer die Ratten von der Insel verbannt, doch die Vogelgrippe bleibt eine Gefahr. Erst als das Team vor Ort uns zu hundert Prozent „sauber“ erklärt hat, werden wir an Land gelassen.

Zuvor müssen wir noch durch die Gummistiefel-Waschanlage, um sicherzugehen, dass wir keine Keime einschleppen. Nur hundert Personen können auf einmal an Land. Wir werden in Farbgruppen eingeteilt, die zu verschiedenen Zeiten starten und in ihren jeweiligen Zodiacs Platz finden. An Land dürfen wir uns nicht hinhocken und den Tieren nicht zu nahe kommen. Dieses vorbildliche System folgt den strengen Regeln der IAATO (International Association of Antarctica Tour Operators). Ein umfassender Verhaltenskodex, den alle Mitglieder befolgen müssen, wenn sie Reisen in die Antarktis anbieten. Er soll den sensiblen Lebensraum schützen und nachhaltigen Tourismus ermöglichen. Hier gilt der Antarktis-Vertrag, ein internationales Abkommen, das am 1. Dezember 1959 unterzeichnet wurde und 1961 in Kraft trat. Er widmet die Antarktis ausschließlich friedlichen Zwecken, verbietet jede militärische Nutzung und gewährleistet die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung.
Zwischen 1904 und 1966 wurden in Grytviken, einer ehemaligen Walfangstation auf der Insel, über 150.000 Wale getötet und für den weltweiten Handel ausgenommen. Heute ist die Station ein Museum und in fester Hand von Hunderten von Pelzrobben, die überall verteilt liegen oder uns beim Spaziergang an Land neugierig verfolgen.
Der nächste Morgen. Um 5:30 Uhr klingelt mein Wecker. Kurz darauf sitze ich dick angezogen, mit vom Schiff zur Verfügung gestellten Gummistiefeln und Parka, als eine der ersten im Zodiac und düse durch Schnee und Graupelschauer an Land: Salisbury Plain – das Zuhause von fast 200.000 Königspinguinen. Ihre orangefarbenen Hälse leuchten im Nebel. Dazwischen tummeln sich Pelzrobben und Albatrosse, Möwen picken Kadaver. Je dunkler das Orange, desto älter der Vogel, erklären uns die Biologen von Bord. Die bis zu 95 Zentimeter großen Pinguine kommen neugierig auf uns zu. Buckelwale begleiten uns zurück an Bord. Am Nachmittag erreichen wir Fortuna Bay, ein Stück die Küste hinunter gen Osten: 20.000 Pinguine vor einem Gletscher. Die Sonne taucht das Eis in gleißendes Licht. Es ist Valentinstag: Am Abend erhalten die Damen an Bord rote Rosen.
Am Tag darauf erreichen wir Gold Harbour: Seebären schnaufen träge im Sand, dazwischen Eselspinguine, halbstarke Robben balgen sich. Plötzlich verheddert sich ein Königspinguin im Seetang. Wir sehen, wie er verzweifelt strampelt, dann lösen sich die Algen jedoch. Der Vogel bleibt verdutzt stehen – drei seiner Freunde haben treu gewacht. Dann watscheln sie gemeinsam davon. „Wir schreiten nie ein“, erklärt uns das Expertenteam, „so schwer das manchmal auch fallen mag. Das würde das Gleichgewicht stören.“ Am Nachmittag gehen wir auf eine weitere Zodiactour und entdecken eine Kolonie von Goldschopfpinguinen – das sind die mit den gelben Federn auf dem Kopf. Das Highlight ist ein seltener Seeleopard, der ganz plötzlich schnaufend vor uns aus dem Wasser guckt.
Am nächsten Vormittag taucht der riesige Eisberg A23a vor uns auf. So groß wie die Insel Mallorca, zweihundert Meter hoch über dem Wasser, vom All aus zu erkennen, wobei nur ein Fünftel von ihm an der Oberfläche sichtbar ist. Er driftet Richtung Südgeorgien. Sein Schmelzwasser ist so üppig, dass man befürchtet, er könnte die Krillbestände bedrohen (Anm. der Red.: Im September, ist der Koloss auf weniger als die Hälfte geschrumpft – er zerbricht in rasantem Tempo). Zurück in meiner Kabine erzählt mir Kemylhina, mein Zimmermädchen von den Philippinen, von ihrer Tochter in Manila und davon, wie gerne sie für deren Studium acht Monate im Jahr an Bord der „Hanseatic“ arbeitet.

Wir erreichen Elephant Island, auf der Ernest Shackleton während seiner Expedition im Jahr 1916 23 seiner Männer zurückließ, um Rettung zu holen. Zügelpinguine bis in die Klippen, See-Elefanten und wieder ein Seeleopard, der dicht am Zodiac auftaucht und auf Pinguinjagd ist. Das Eis knackt, Luftblasen zischen aus berstenden Gletscherfronten. Später versperrt uns ein Eisberg die Weiterfahrt im Weddellmeer. Kapitän Rabe-Bär bricht die Fahrt ab und erklärt ruhig: „Wir riskieren das nicht.“ Die Natur allein gibt hier den Weg vor. Am Abend geht die Sonne glutrot unter, und ich genieße das eindrucksvolle Spektakel von meiner Terrasse aus: In absoluter Stille ziehen rosarot gefärbte Eisberge vorbei.
Yankee Harbour, auf den Südlichen Shetlandinseln, empfängt uns mit vierzig Knoten Wind. Zügelpinguine, Pelzrobben, schwarzer Lavasand. Auf Deception Island wandeln wir auf einem eingefallenen Vulkan, auf dem ebenfalls einmal eine Walfangstation stand. Anschließend dürfen die Mutigen im nur drei Grad kalten Wasser baden. Wir rennen laut schreiend hinein. Ich tauche kurz ein, beim Rauslaufen spüre ich meine Beine kaum noch. Die Mannschaft fährt uns schnell zum Schiff, wo ich direkt in das schöne Spa gehe und extra lange in der Sauna bleibe, um mich wieder aufzuwärmen. Der Abend endet früh, erschöpft und überwältigt.
Wir fahren durch den Neumayer-Kanal, sehen verlassene britische und argentinische Forscherhütten, wie eingefroren in der Zeit. Am Abend breitet die Sonne ein endloses Schauspiel aus Rosa und Gold über den Himmel aus. Am nächsten Tag erreichen wir Prospect Point: zum ersten Mal antarktisches Festland. Wir fahren raus und sehen Eisschollen übersät von Eselspinguinen. Mitten drin: zwei Seeleoparden. Plötzlich ertönt aus dem Walkie-Talkie: „Einer hat zugebissen!“ Gleich drei Zodiacs hat er erwischt, die später geflickt werden müssen. Unser Fahrer kommt aus Hamburg. Er reist seit 2004 jedes Jahr in die Antarktis – nur 2020 durfte er nicht, wegen Corona: „Das war schrecklich, ich habe mich wie eingesperrt gefühlt.“ Wie hat sich die Natur hier in diesem Zeitraum verändert? „An einigen Stellen sehen wir schon mehr Felsen herausragen. Aber die Tierwelt hat sich auffällig erholt. Früher sah man kaum einen Wal – heute kann man fast täglich Fontänen beobachten. Die Pinguine, Robben, eigentlich die gesamte Tierwelt hier haben ihren Bestand wieder stark vergrößert. Die Pelzrobben sind inzwischen so zahlreich, dass man zur Paarungszeit vorsichtig sein muss, da sie ihr Revier verteidigen.“
Beim Abendessen informiert uns der Kapitän: „Wir haben soeben den Südpolarkreis überquert.“ Ein Gänsehautmoment. In der Nacht fegt der Wind mit 45 bis 50 Knoten über das Schiff. Ich höre die zehn Windstärken um meine Fenster pfeifen. Am nächsten Tag wollen wir uns auf Stonington Island zwei verlassene Forschungshütten der Briten und der Amerikaner anschauen. Hier haben erstmals zwei Frauen in der Antarktis überwintert. Es ist klirrend kalt und sehr nass bei der Zodiac-Überfahrt. Wir sehen einige Krabbenfresserrobben (die sind weiß!) und wieder Pinguine. Später landen wir auf Pourquoi Pas Island. Auf der Gletschertour erklärt mir Nadja Katharina Gerull, die Biologin an Bord: „Das sind ausschließlich männliche Tiere. Sie erholen sich von der Fortpflanzungszeit. In diesen Monaten lassen sich die Robben gerne auf Eisschollen gen Norden treiben, Zur Paarungszeit kehren sie in ihre Kolonien zurück.“
Am darauffolgenden Morgen brennt die Sonne durch meine Gardinen. Als ich sie zur Seite schiebe, eröffnet sich ein spektakuläres Bild: kobaltblauer Himmel, schneebedeckte Berge des arktischen Festlandes und Eisschollen, so weit das Auge reicht. Ich beobachte, wie sich einige Krabbenfresserrobben schlängelnd auf den Schollen jagen, wie dicke Nudeln ins Wasser flutschen und wieder auftauchen. Ein spektakulärer Anblick, an dem wir uns alle nicht sattsehen können. Am Nachmittag treffen wir uns am Heck des Schiffes und feiern mit einem Glas Champagner den südlichsten Punkt unserer Reise. „Jetzt fehlen nur noch Orcas“, sagt ein Gast neben mir. Nur wenige Minuten später entdecken wir eine Herde. Sie jagen, indem sie große Wellen machen, und so ihre Opfer, wie z.B. Robben, von den Eisschollen rutschen lassen.
Später steht die Besichtigung der Provisionskammer unter Deck auf dem Programm. Christoph Timm, Hotelmanager der Hapag-Expeditions-Schiffe, verwaltet mit seinem Team alle Lebensmittel, die im Bauch des Schiffes gelagert werden: „Da wir über drei Wochen unterwegs sind, sind Fleisch- und Fischwaren tiefgefroren. Frisches Obst, Gemüse und Fleisch haben wir in Ushuaia gebunkert.“ Am Mittag esse ich zusammen mit einem Piloten-Ehepaar aus Frankfurt, das in den USA lebt. Sie sind zum ersten Mal auf einer Schiffsreise dieser Art und sehr begeistert. Eine andere Frau hat lange auf die Reise gespart: „Ich wollte immer schon Pinguine erleben!“ Viele Gäste an Bord sind Naturliebhaber und Abenteurer. Wenig später sichten wir wieder Wale. Ich genieße den Anblick bei einer heißen Waffel mit roter Grütze und Vanilleeis.

Um 16 Uhr landen wir in Jougla Point auf der Wiencke Island, einer dem Festland vorgelagerten Insel. Hier lebt eine Kolonie von Eselspinguinen mit vielen Jungen. Sie laufen ihren Eltern laut schreiend hinterher, um gefüttert zu werden. In der Bucht liegen zwei gut erhaltene Walfischgerippe. Früh am Morgen fahren wir mit den Zodiacs hinaus in die stille Paradise Bay, vorbei an beeindruckenden Gletscherfronten. Am Schluss versorgt man uns in den Booten mit heißem Kakao – auf Wunsch auch mit Rum. Letzte Station ist Neko Harbour. Während wir uns für die abschließende Zodiac-Tour vorbereiten, tauchen ein paar Zwergwale direkt am Schiff auf. An Land staunen wir über den „Pinguin-Highway“, einen Pfad im Schnee, auf dem die Tiere watschelnd zum Wasser ziehen. Später sitzen wir an Deck und beobachten noch einige Wale, bis die Sonne ein letztes Mal im unvergleichlich gefärbten Himmel versinkt. Es fühlt sich an, als würde sich die Antarktis gebührend von uns verabschieden.
Die verbleibenden 48 Stunden führen durch die berühmte Drake Passage, eine der stürmischsten Seestraßen der Welt. Wir haben Glück und erleben den „Drake Lake“, nicht den berüchtigten „Drake Shake“, der bei schlechtem Wetter mit bis zu dreißig Meter hohen Wellen gefährlich werden kann. Selbst auf dem letzten Stück, durch den Beagle-Kanal nach Ushuaia, begleiten uns noch einige Wale. Der Kapitän verabschiedet sich mit beeindruckenden Zahlen: Wir haben 7.676 Kilometer zurückgelegt, die Küche hat 14.400 Eier und 2.400 Kilogramm Fleisch verbraucht. Als wir am nächsten Tag von Bord gehen, fällt der Abschied schwer und wir müssen uns wieder an die Geräusche und die vielen Menschen in der Stadt gewöhnen. Eine Reise in die Antarktis macht demütig und verändert die Perspektive auf unseren Planeten. Wie klein der Mensch doch ist und wie groß das Privileg, dieses Abenteuer erlebt haben zu dürfen!
Das könnte Sie auch interessieren



&w=1920&q=75)
&w=1920&q=75)
&w=1920&q=75)

Exklusive Inhalte des GG Magazine
GG ist ein unabhängiges Magazin, das Unterhaltung auf höchstem Niveau bietet. Architektur, Lifestyle, Design, Fashion, Yachting, Luxury Travel – rund um den Globus suchen wir für Sie, liebe Leser, die spannendsten Themen und Persönlichkeiten heraus und laden Sie ein, diese von einer ganz neuen Seite kennenzulernen. In GG treffen Sie erfolgreiche Architekten, interessante Designer und spannende Künstler, die gerade von London über New York und Berlin bis nach Hongkong in aller Munde sind.